6. NAHBELLPREIS 2005: Angelika Janz

Eine fast in Vergessenheit geratene Ex-Düsseldorfer Lyrikerin, die sich in die Natur zurückgezogen hat und deren Gedichtband "orten vernähte alphabetien" 2002 vom Feuilleton unbeachtet im Greifswalder Verlag "Wiecker Bote" erschien



OFF-izielle G&GN-Pressemeldung am 24.6.2005 / Aufgrund gesundheitlicher Probleme unserer administrativen Abteilung können wir leider erst heute unsere Freude darüber offiziell kundtun, dass der -nicht nur in Insiderkreisen- bekannten Lyrikerin Angelika Janz der seit 2000 jährlich vergebene alternative Lyriknobelpreis am 21.6.2005 von der G&GN-Jury einstimmig zugesprochen wurde. Da die finanziellen Engpässe seit der Konkursmeldung des G&GN-Institutes (siehe letzter Newsletter an Abonnenten im Oktober 2004) noch nicht behoben werden konnten, kann kein Festakt ausgerichtet und die Urkunde nur per Post zugestellt werden. Auch fand sich bis heute noch immer kein PRIVATER MÄZEN für das anvisierte Preisgeld von über 10 Millionen Euro pro Kopf, das dazu dienen soll, den Preisträgern zu ermöglichen, LEBENSLÄNGLICH SOUVERÄN AUTONOM SOZIALE POETISCHE PROJEKTE ZU REALISIEREN, ohne die Energien ihres dichterisches Genies permanent im Überlebenskampf zu verschwenden. Bisher konnte darum noch keiner der bisherigen Preisträger die Summe in Empfang nehmen. Das G&GN-Institut will mit dem Nahbellpreis auf den Skandal aufmerkam machen, dass besonders Deutschland gerne als "Land der Dichter und Denker" dargestellt wird, aber die wahren Genies in Wirklichkeit vom Establishment (auch in Schweden) meist komplett ignoriert werden, da sie sich traditionell den jeweils aktuellen Trends & Massenmedienhysterien entziehen, auf die sich das literarisch interessierte Volk von Großkonzernen konditionieren lässt (vgl. dazu die Analyse der Inflation des Popbegriffes hin zur Popperliteratur im Kultbuch "Von Acid nach Adlon und zurück" von Johannes Ullmaier).

Mit freundlichen Grüßen und Glückwünschen aus Berlin
gez. Sebastian Nutzlos (G&GN-Vorsitz seit 1990)


Angelika Janz, geboren 1952 in Düsseldorf, Studium der Germanistik, Kunstgeschichte und Philosophie. Museumspädagogin, Autorin und Bildende Künstlerin. In den 80er Jahren zahlreiche Ausstellungen/Publikationen zu Experimenteller Literatur, Konkrete/Visuelle Poesie, Entwicklung des "Fragmenttextes". Zwei Hörspielproduktionen, (Spoken-Word-)Performances, Bildtextcollagen Parisaufenthalte. 1994 Gründung der Jazz-und Lyrikgruppe "Trilemma" mit Auftritten bis 1996. 1993 Rückzug nach Aschersleben bei Ferdinandshof/Vorpommern. Seitdem soziokulturelle Basisarbeit im ländlichen Raum.


Publikationen (Auswahl)
1979 "Der Inbegriff", Erzählungen, Verlag Sassafras Krefeld
1986 "Aus der isolierten Wildnisszene", Künstlerhaus Bethanien Berlin (mit U. Weitmar)
1988 "Das Un", mit Jörg Hoffmann, Berlin
1989 "Selbander", Gedichte, Fragmenttexte, mit U. Weitmar, Edition Howeg, Zürich
1991 "Corridor", Fragmentgedichte, Scherrer & Schmidt, Köln
1995 "Schräge Intention", Gedichte, edition ch, Wien (Hrsg. Franzobel)
1995 "Ein interessantes Frühstück, das im Trend zu liegen gehen lernt", Fragmenttexte 1979 bis 1994 von Deut zu Deutung, Reihe Experimentelle Texte der Universität GH Siegen Nr. 43 (Hrsg. Karl Riha & S.J. Schmidt)
1995 "Fragment als Haltung", Institut für Moderne Kunst Nürnberg, Jahrbuch 1995
2002 "orten vernähte alphabetien", Verlag Wiecker Bote, Greifswald

 

Angelika Janz studierte Germanistik, Kunstgeschichte und Philosophie in Essen und Bochum. Von 1979 bis 1988 war sie Lehrerin und Dozentin der Erwachsenenbildung im Fach Philosophie. Sie ist seit 1977 künstlerisch tätig und erhielt besonders in den 80er Jahren innerhalb der Bildenden Kunst und Literatur einige Preise und Stipendien. Sie entwickelte 1979 den Fragmenttext, der heute Lehrstoff am Germanistischen Institut Greifswald ist. Von 1988 bis 2008 arbeitete sie als feste, freie Mitarbeiterin am Museum Folkwang in Essen im museumspädagogischen Dienst. Angelika Janz ist Verfasserin von Werken in den Genres Lyrik, Prosa, Essay und Visuelle Poesie und beschäftigt sich seit den 70er Jahren mit dem Verhältnis, der Korrespondenz und Vernähung von Bild und Text in der Bildenden Kunst, u. a. mit dem Essay Fragment als Haltung. Sie ist Autorin von 2 produzierten (RIAS Berlin und Radio Bremen) Hörspielen. Ihre künstlerische Vita verzeichnet zahlreiche Einzel- und Gruppen-Ausstellungen im In- und Ausland sowie (Spoken-Word-)Performances. Bis 1996 trat Angelika Janz mit der 1994 von ihr mitgegründeten Jazz- und Lyrikgruppe "Trilemma" u. a. im Kölner Stadtgarten auf. 1993 siedelte sie nach Vorpommern um, wo sie mit ihrem Mann, dem Bildhauer Dieter Eidmann, lebt. Sie gründete und organisierte seitdem in Mecklenburg-Vorpommern zahlreiche soziokulturelle Initiativen und Festivals und arbeitet bis heute vor allem mit Kindern und Jugendlichen auf dem Land. Angelika Janz vereinbart ihre Kinder- und Jugendarbeit mit der Kunst, indem sie z. B. in der KinderAkademie unter dem Motto "Nahsehen statt Fernsehen" Kita- und Schulkindern aller Schulformen spielerisch kulturelle Basisbildung unterrichtsübergreifend näher bringt. Für Jugendliche gründete sie 1998 den Förderverein "Jugendclubs im ländlichen Raum" und erreichte damit, dass über 20 Jugendclubs im einstigen Uecker-Randow-Kreis eingerichtet wurden, von denen aus Kostengründen schon 2010 nur noch wenige existierten. Von 1999 bis 2003 organisierte sie verschiedene soziokulturelle Festivals, wie zum Beispiel die "Polnische Woche 2000" in Mecklenburg-Vorpommern, das Kulturfestival "Nordischer Klang" und "TANZTENDENZEN" in Greifswald. Nach einer Unterbrechung ihrer vielseitigen Tätigkeiten aufgrund einer schweren Krankheit (2003) nahm sie 2005 ihre Arbeit wieder auf. Von 2005 bis 2010 leitete sie die Schreibwerkstatt im NB Radiotreff Neubrandenburg und gab die Dokumentation "Lebensfilme" heraus. Seit 2005 leitet sie das soziokulturelle Projekt "KinderAkademie im ländlichen Raum" und ist seitdem Initiatorin von zahlreichen z. T. auch überregional ausgezeichneten Projekten kultureller Basisbildung mit den Schwerpunkten Gewaltprävention und Inklusion an Schulen und Kitas in ihrer Umgebung. 2014/15 erhält ihr KinderAkademie-Kunst- und Inklusionsprojekt "Nahsehn statt Fernsehn" die bundespräsidiale Auszeichnung als "Ort im Land der Ideen". Seit 2007 leitet sie die Frauenkulturgruppe "Seelenwelten" in Torgelow, die sie in verschiedenen Kulturaktionen mit ihren Kinder- und Jugendgruppen vernetzt.

 

Zahlreiche Gedichtbeispiele auf der Nahbell-Unterseite

Weitere Gedichte im FORUM des Offlyrikfestivals Poesiesalon.de

 


Das verspätete Nahbell-Interview 2022

"[Titel des Interviews folgt nach der letzten Antwort]"

 

01.Nahbellfrage


Liebe Angelika, nachdem nun bereits 17 Jahre verflossen sind, seitdem Dir 2005 der 6.Nahbellpreis verliehen wurde, also ein ganzes Teenager-Heranwachsen dazwischen liegt, freue ich mich sehr, endlich das Interview mit Dir führen zu können, das damals noch gar nicht als Idee existierte. Anfangs hoffte ich, dass sich die Preisträger an meiner Steilvorlage orientieren würden und eine Preisrede verfassen, aber außer RoN Schmidt, der quasi als Ersatz für eine echte Rede ein spezielles Gedicht schickte, hat niemand bislang eine Preisrede verfasst. Vielleicht gefällt das Format niemandem außer mir, obwohl es ja zu 50% ebenso satirisch zu verstehen ist, wie der Preis selber, aber egal; denn: ein Interview, ganz besonders nach so langer Zeit, ist natürlich ergiebiger für den geneigten Leser als "Voyeur des lyrischen Ichs", wenn ich das mal so lapidar sagen darf... Also, meine liebe Angelika, Du kannst Dir vielleicht denken, mit welcher Frage ich das Interview eröffnen muss: die aktuelle Förderpreisträgerin Meike Wanner wohnt ja in Düsseldorf, so wie 3 weitere. Du bist auch in Düsseldorf geboren, lebst aber schon lange nicht mehr hier. Woran ich mich aber erinnere, ist dass Du einmal erwähntest, damals bereits einen Düsseldorfer Literaturpreis erhalten zu haben, den es dann allerdings nach Dir gar nicht mehr gab. Das klingt nach einer kuriosen Anekdote aus dem Düsseldoofer Literaturklüngel. Magst Du uns darüber erzählen? Wie kam es dazu, wer verlieh den Preis, warum wurde er wieder eingestampft, und und und?

 

01.Nahbellantwort

 

Lieber Tom, das ist allerdings eine kuriose Geschichte, die Gegenstand einer Erzählung "Die Fliege" geworden ist. In dieser Geschichte sind bereits auf merkwürdige Weise Deine Fragen beantwortet bis auf die erste und die letzte: Der Preis wurde von der Stadt Düsseldorf 1981 verliehen, anlässlich der Düsseldorfer Heinetage in der "Kunsthalle und im Haus des Kunstvereins für die Rheinlande und Westfalen". Soweit ich erinnere, erhielt Thomas Kling damals den ersten Preis für Lyrik. Ich hatte mich um den Preis für "Experimentelle Literatur" beworben und war eingeladen worden. Wie man in der Schilderung erfährt, war die Lesung hierzu hochspannend für mich als junge Anfängerin in der "Szene", mit der ich allerdings künftig nach dieser Erfahrung ungern in Berührung kam. Übrigens war die damalige Preissumme 1.500 DM, soweit ich erinnere, und ich nahm sie mit nach Paris, in die Cité Internationale des Arts, ich stand schon in den Startlöchern. Warum dieser Preis nach mir eingestampft wurde, ist mir nicht bekannt, vielleicht gab es nach dem beschriebenen kleinen "Eklat" ein "Nachspiel", vielleicht wurde der Begriff "experimentell" in Sachen Literatur infrage gestellt, wie ich es im Übrigen seitdem auch so hielt. Denn Schreiben hat ja immer einen Prozesscharakter und man wagt viel, experimentiert eigentlich unausgesprochen und unausdrücklich immer, wenn man es mit dem Schreiben ernst nimmt. Gestatte mir also, Deine Frage mit "Literatur" zu beantworten, denn eine präzisere und komplexere Antwort kann ich Dir nicht geben, die ich allerdings in der 3. Person schrieb, aus Selbstschutz damals: Die Fliege [Link zur Unterseite mit dem Prosatext] Ich traf genau diesen Professor vor wenigen Jahren wieder. Wir waren gemeinsam zu einer Lesung im Dortmunder Literaturhaus eingeladen. Er war alt und krank geworden. Ich begrüßte ihn wie einen alten Bekannten, obwohl ich ihn über 40 Jahre lang nicht gesehen hatte, und er mich, als einer der maßgeblichen Förderer und Protagonisten visueller und experimenteller Poesie, all die Jahre ignoriert hatte. Ja, es war mir nie gelungen, mit dem Kreis experimenteller Autoren, zu denen er aktiv gehörte, in Kontakt zu treten. Ich hätte einen Austausch mit erfahrenen und für literarische Experimente offenen Kollegen damals sehr gebraucht. Doch die Truppe, die fast nur aus Autoren bestand, gab sich eher elitär und hermetisch. Behäbig und umständlich las er seinen schwierigen Text. Es gibt eine Schwelle, an der sehr kompliziert angelegte Texte ins Banale umkippen und alle komplex formulierten Redundanzen verdorren. Das war mir stets bei seinen Arbeiten aufgefallen. Am Ende meiner Lesung fragte er mich: "Wann haben wir uns eigentlich zum letzten Mal gesehen?" Ich stockte und antwortete etwas zögernd: "Das muss 1981 gewesen sein; bei der Preislesung in der Kunsthalle Düsseldorf. Und vielleicht wenig später noch einmal bei einer Tagung zur Visuellen Poesie im Ruhrgebiet. Danach nie mehr." Ohne darauf einzugehen, nahm er einen dicken Band seiner Texte aus der Tasche. "Das habe ich Dir mitgebracht." Die Widmung stand schon drin. Ich schenkte ihm im Gegenzug mein letzterschienenes dünnes Bändchen mit den Fragmentgedichten "Traue dem Wechsel", das er unverzüglich ergriff und in seiner Aktentasche verschwinden ließ. Eine Woche später erhielt ich eine Mail von ihm: "Bei der visuellen Lektüre Deiner eigenen Arbeiten frage ich mich rückblickend, warum Du damals nicht in den engeren Kreis der "Visuellen"* integriert worden bist - wahrscheinlich warst Du wirklich zu bescheiden - schade. Andererseits hast Du Dir Deine Unabhängigkeit bewahrt, was sicher auch ein Gewinn war."

 

*Autoren und Künstler der Visuellen Poesie in den 70er/80er Jahren

 

02.Nahbellfrage

 

Solche Erlebnisse wie in Deinem Bericht "Die Fliege" kennt bestimmt so mancher Nachwuchskünstler/-autor, wirklich gruselig! Es erinnert mich an die krassen Anekdoten von A.J. Weigoni über seine Erlebnisse mit dem Düsseldorfer Literaturklüngel, die er mir bei einem Treffen vertraulich erzählte. Aber Du hattest auch einmal vor vielen Jahren ein ungewöhnliches positives "kollegiales" Erlebnis mit einem fremden Preisgeld, wenn ich mich richtig erinnere. Es hatte mit Franzobel zu tun, glaube ich? Magst Du die Geschichte vielleicht erzählen?

 

02.Nahbellantwort

 

 


 

Angelika Janz (Paris 81)


Preispoet


Sobald ich aus dem Gleis spring
wächst mir Gras um meine Schuhe.


Am Halt vorbei weiß ich:
jetzt hab ich Ruhe bis next spring.


Das Maßband um den Leib
schenkt mir paar Zentimeter.


Mir denkt das Tum:
Schreib Spalt einen
pro Tag im Stand:
für später.


Wenn ich ins Gleis zurückfahr
mag mich Spaß nicht
was ich tu.


Ich galt für 2.
Reiß mich zuletzt aus meinem Ruf.


Was ich im Preis
am Stück spar, lässt mich kalt,
weil ich es schuf.

 

 

Aus: schreiben lesen hören,

Klartext Verlag 1993


 

Angelika Janz (31.12.2012 via facebook)


Profane Schöpfung


Notdürftig erklärt sich das All
mit erlöschenden Sternen.
Unser Planet fängt seine Geschichte,
wie das Wild die Beute
an Wasserstellen.


Die Notwelt, die Brotwelt
formt Geschichte in gläserner Prophetie.
Des Kontinents Schwund wärmt
die Gewichte der Welt als Erinnerung
mit den aufschießenden Strahlen,
den aufgerichteten Stacheln
der Angst.
Das Hierland und die altersbeschickte
Oberfläche toter Kulturen
sind zuweilen identisch.


Ein Dorf verkümmert und
ein Mensch schwitzt Gift.
Das Ich endet am Ich
des Nachbarn, der schreibt.
Alle Geschichten münden
in die dunklen Bücher
der Zyniker,
die zu lesen so schwer ist
wie das Wasser zu trinken für Steine
ein Unding bleibt.