alle Nahbellpreisträgerinnen seit dem 21.6.2000 mit interviews & gedichten

"Die sich ermächtigt fühlen, Literaturpreise zu verteilen, haben in der Regel nicht viel mit Literatur zu tun. (...) Hat ein Name in den Köpfen etablierter Juroren Platz genommen, wird jede spätere, weniger sattelfeste Jury dem einmal preisgekrönten Dichter unbesehen den eigenen Literaturpreis hinterhertragen. Voraussetzung: die erste, maßgebliche Jury bestand aus anerkannten Hintergrundfiguren des Literaturbetriebs. (...) Insider und Macher wissen da besser Bescheid und können ziemlich leicht beweisen, daß es die Literaturmafia nur in der Vorstellung von Undergroundliteraten gibt, die sich selbst nichts zutrauen. Die beliebige Zusammensetzung jeder Jury führt praktisch dazu, daß jeder Bürger einen Literaturpreis aussetzen und vergeben kann. Im westdeutschen Literaturbetrieb ist die Ein-Mann-Jury bereits institutionalisiert. Dies ist - auf die Literatur beschränkt - die höchste Form, der edelste Ausdruck bei uns realisierbarer Demokratie. (...) Wo Originalität eine Frage von Reklame ist, da schlägt die Sternstunde der Abstauber. Genug öffentliche Mäzene lassen sich finden. Sie geben den preiswütigen Kulturfunktionären die Gelegenheit, die Fiktion einer intakten Kulturlandschaft zu verbreiten. Öffentliche Gelder finden Verwendung, um die Öffentlichkeit irrezuführen. (...) Es war schon viel, daß einige Autoren begriffen hatten, wie wenig die anwesenden Honoratioren, die immerhin mit dem Anspruch auftraten, die Öffentlichkeit zu repräsentieren, PRIVAT hergegeben hätten. (...) Ein progressives Publikum erwartet heute von progressiven Autoren, die Gelder aus der Hand des Kapitals anzunehmen und als Mittel zur Revolutionierung der Gesellschaft einzusetzen. Da progressive Künstler jedoch gerade auch in der eigenen Tätigkeit primär immer Revolutionäre bleiben, können sie die Gelder strenggenommen auch dann nicht individualistisch mißbraucht haben, wenn sie sie ganz oder teilweise privat verwenden."

Klaus Stiller, in: LITERATUR ALS LOTTERIE (1974)

ACHTUNG: Die einzelnen Autorenseiten der Nahbellpreisträger befinden sich derzeit noch zwischengeparkt auf Unterseiten des G&GN-INSTITUTS und werden im Laufe des Jahres 2018 nach und nach hier her übertragen, so daß alle Materialien pünktlich zum 20. Jubiläum hier vollständig zu lesen sind:

ZENTRALE ZEITLOSIGKEIT (c) De Toys, 16.10.2011 @ Rummelsburger Bucht (Berlin)
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