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DAS GROßE NAHBELL-INTERVIEW

3. Nahbell-Förderpreis 2021 an: } {

"ES GEHT NICHT UM LITERATUR, SONDERN UM LEBENSINTENSITÄT"

Zitat aus dem Interview mit dem 3.NAHBELL-FÖRDERPREISTRÄGER 2021 DER DIGITALPOET:

der trendgerechte titel deines romans (in einem jahr: bienen-romane und bienengedichte, im nächsten jahr: klimakrimis und coronalyrik) und das renommee deines verlages sind ausschlaggebend für den erfolg, nicht der tatsächliche inhalt. da passiert eigentlich nur noch sehr wenig im literaturbetrieb, es geht nicht um die zukunft der literatur, sondern um das überleben des betriebs!


Der Digitalpoet } { mit dem Klammerzu-Klammerauf-Pseudonym wurde am 14.2.1977 in Mondsee/Österreich geboren und lebt mit der Liebe seines Lebens in Unterach am Attersee, von wo aus er regelmäßig Ausflüge in die Wiener Literaturszene unternimmt. Im Verlauf eines Forschungsstipendiums in Berlin/Deutschland wendete er sich von der analogen Dichtung ab und erkundete die Möglichkeiten des Internets. Über sich selbst sagte er bislang auf Twitter, Instagram und Facebook nur: "ich bin ein unbekannt gebliebener, autodidaktischer dichter, der die literaturszene von mondsee meidet, den twitter account WeltPoesieTag betreut und digitale wortspiele in der tradition von Konkreter und Visueller Poesie mit einer smartphone-app entwickelt".

(Biografische Daten aus dem POESIESALON.de)

 

 

01.nahbell-frage

 

lieber digitalpoet, du nennst dich nur zeichenhaft } { und möchtest deinen bürgerlichen namen nicht veröffentlicht wissen. warum nicht? der musiker prince hatte mal eine phase mit einem symbol als namen, sehr zum ärgernis seiner plattenfirma, glaube ich, und auch seine fans fanden das angeblich eher umständlich. und marketingtechnisch ist das ja auch sehr ungünstig: wie redet man über einen namenlosen, wie spricht man ein symbol aus? wie redet man einen solchen künstler als journalist überhaupt an? nun machst du es dem leser zumindest insofern etwas leichter, als daß du selber den zusatz "klammerzu klammerauf" (wie vor- und nachname) verwendest, was zwar etwas merkwürdig klingt, aber wie auch immer: die kunst ist ja frei und der künstler verdient respekt für seine werke und nicht für seinen namen! ich gratuliere dir sehr herzlich zum nahbellförderpreis, der dieses jahr bereits zum dritten mal vergeben wird und die lyrische leistung eines nachwuchstalents würdigen soll! dein öffentliches werk hat sich seit 2016, als du erstmals zum UNESCO "welttag der poesie" auf twitter in erscheinung tratst, in den letzten 5 jahren enorm vergrößert, du bist auf instagram und facebook aktiv, aber auf twitter wurde dein account anscheinend auch opfer der massensperrungen, als das twitterprogamm unzählige accounts weltweit automatisch sperrte und twitter selbst die kontrolle über sein eigenes programm verlor. die originale deiner allerersten werke sind dadurch irreversibel zerstört, da es sich um reine emoji-tweets handelte, richtig? wie kam es überhaupt dazu und wo stehst du heutzutage in deinem werkprozess?

 

01.nahbell-antwort

 

ja, das ist durchaus korrekt: nicht nur trump wurde von twitter verbannt, auch der "weltpoesietag", so hieß jener projekt-account, den ich für den jährlichen 21.märz betrieb, und der am ende 3000 follower hatte. auch mein privater account "digitalpoesie" wurde gesperrt, so dass ich seit nun schon bald einem jahr twitter den rücken gekehrt habe, denn das procedere, um gesperrte accounts dort wieder freischalten zu lassen, ist sehr kompliziert und daher anscheinend nicht sonderlich erwünscht. meine ersten "visuellpoetischen" tweets 2016 bestanden tatsächlich aus emojis, das war aber lediglich eine reaktion auf eine followerin des weltpoesietages, die sich beschwerte, warum ich dort eine ankündigung mit emojis gemacht hatte, die sie nicht verstünde, also die emojis nicht zu interpretieren wusste. da habe ich ihr aus quatsch mit einer kleinen geschichte aus reinem emoji-"text" geantwortet und dann einen monat später meine beiden ersten eigentlichen kunst-tweets aus emojis platziert. und genau die wurden aufgund der sperrung mitvernichtet, was ich irgendwie auch faszinierend finde: diese beiden verspielten tweets mit zeitgemäßen zeichencodes/symbolen waren echte, reine online-kunstwerke, die nur auf der virtuellen ebene bestand hatten. zum glück hatte ich screenshots gemacht, so dass ich sie ahnungslos rettete, lange bevor sie von einem spamrobotprogramm ins virtuelle koma gejagt wurden, koma, weil sie im grunde erst dann tot sind, wenn twitter den account nicht nur sperrt, sondern auch löscht. darauf lasse ich es jetzt ankommen, denn mir ist twitter egal geworden, es hat keine relevanz mehr für meine arbeit. da ist instagram wesentlich passender, denn da geht es zuallererst um bildwelten, um visuelles, anstatt um textuale kurznachrichten. natürlich hat sich da in den letzten jahren einiges verändert und auch die lyrikszene ist mittlerweile auf instagram angekommen. auch den weltpoesietag habe ich dort installiert (neben facebook), um "normale" buchstabengedichte von anderen zu positionieren, aber auf meinen drei privaten accounts ist das entscheidende anliegen, meine eigenen optischen gedichte zu veröffentlichen. mein name spielt dabei überhaupt keine rolle. ich lebe hier sehr naturverbunden zurückgezogen und möchte mit niemandem aus der literaturwelt privat konfrontiert werden. das hat mir vor vielen vielen jahren schon gereicht, die atmosphäre beim mondseer literaturpreis zu beobachten, wie die scheinschickeria dort auftrat und sich gegenseitig beweihräucherte. mit literatur hat das für mich nichts zu tun, wenn man nur dann publiziert wird, wenn man einen namen hat. das verleidet mir die poetische leichtigkeit und die freude am forschen über all die lyrischen experimentiermöglichkeiten, wenn es nur darum geht, in welchem magazin du schon drin warst, mit wem du gut kannst, und wer deine posts kommentiert oder ignoriert. was ich in mondsee analog erlebt hatte, pflanzt sich in den social media heutzutage eins zu eins fort: wer zusammenhält, sich die bälle zuschiebt - und wer einfach übergangen wird, weil keiner den ersten schritt wagt, dich einzubeziehen. wenn ich verraten würde, wer ich tatsächlich bin, wieviele stipendien ich bereits an "etablierten" institutionen hatte, mit wem ich shake-hands machen und dinnieren durfte, dann wäre ich ähnlich wie die gomringer-tochter sofort auf der empore mit sekundenkleber festgenagelt. womit ich nicht ihre qualität infrage stelle, sondern im gegenteil: ob sie es trotz qualität auch ohne den berühmten nachnamen so leicht gehabt hätte, aufmerksamkeit zu erhaschen. ich wollte für meine buchstabenbilder nicht "anerkannt" werden, weil die szene gesagt hätte "oh, das ist ja von IHM, das MUSS also gut sein", sondern ich wollte sehen, wie weit ich anonym komme, einfach nur, indem ich die arbeiten zeige und wirken lasse. erst letztens hatte ich mich bei einer deutschen zeitschrift beworben, die mir dann mitteilte, daß sie nur schwarzweiss publizieren, woraufhin ich extra für sie eine arbeit in graustufen produzierte: keine weitere reaktion! diese unhöflichkeit und respektlosigkeit, dem bemühten und hoffenden autor noch nicht einmal dankend zu antworten, ist eine moderne unsitte, die sich die lyrikszene von den großen firmen abgeguckt hat: wenn du dich heutzutage sonstwo bewirbst, kannst du von glück reden, wenn wenigstens eine vollautomatische emailantwort eintrifft, so dass deine bewerbung "bestätigt" wurde. aber erwarte nicht, dass der chef dir persönlich antwortet und bedauernd erklärt, warum du nicht für sein unternehmen geeignet bist, obwohl dein wert außer frage steht. wenn du aber von einem anderen weltkonzern kommst und eine empfehlung von einem fachguru aus der tasche zückst, lässt dich der türsteher an der warteschlange vorbei, du bist schon ein promi, ohne dass deine qualität überhaupt überprüft wurde. und so kriegen die typen und mädels sehr häufig ihre literaturpreise, mit denen sie ihr ego füttern anstatt die literatur auch nur um 1 millimeter voranzutreiben. der trendgerechte titel deines romans (in einem jahr: bienen-romane und bienengedichte, im nächsten jahr: klimakrimis und coronalyrik) und das renommee deines verlages sind ausschlaggebend für den erfolg, nicht der tatsächliche inhalt. da passiert eigentlich nur noch sehr wenig im literaturbetrieb, es geht nicht um die zukunft der literatur, sondern um das überleben des betriebs!

 

 

02.nahbell-frage

 

also dann muss ich das doch mal gleich aufgreifen mit der "coronalyrik", obwohl ich das trendthema pandemie eigentlich erst viel später ansprechen wollte: du hast ja auch ein paar arbeiten im laufe des lockdowns fabriziert, die sich politisch/gesellschaftskritisch mit dem zustand auseinandersetzen. trotzdem wehrst du dich gegen trendsetting oder sollte man sagen: gegen thematische trittbrettfahrerei, nur um beim publikum gut zu landen? was inspiriert dich denn überhaupt zu deinen arbeiten? wodurch entstehen sie? ich bin bei jeder neuen arbeit erstaunt und überrascht, weil es anscheinend nicht vorhersehbar ist, womit du dich beschäftigst, aber auch das stimmt nicht wirklich, denn du reagierst schon immer irgendwie auf den zeitgeist, oder nicht?

 

02.nahbell-antwort

 

ja, ich reagiere eigentlich NUR auf den zeitgeist, wenn man die prozesse von der warte aus betrachtet: zeit und geist: ich verbringe viel zeit mit dem lesen tagesaktueller nachrichten, die meinen geist für den sprachgebrauch unserer trostlos verblödeten epoche wach halten, und wenn mir ein wort oder worte zu themen "etwas sagen", tritt meist automatisch ein wortspiel ein oder aus einem wort funkelt mir ein anderes entgegen, das darin enthalten ist. aber: die grafische umsetzung entsteht oftmals erst später in der natur, bei meinen bergwanderungen oder beim "meditieren" am seeufer: die linien der berge, das getöse der gebirgsflüsse, die wucht der gesamten landschaftstopografie und im speziellen die formen der burggrabenklamm und des nixenfalls hier direkt gegenüber, die mich seit meiner kindheit immer wieder magisch anziehen, die sonne, der mond, der starke regen, gewitter, der schnee - diese geballte urmacht der wetterereignisse und der tageszeitabhängigen urszenarien der elemente, der pflanzen, des lichts, dieses ganze schauspiel der mutter natur, wie es sich schon vor millionen jahren genau so abspielte, als visuelle ekstasen, das hat einen großen einfluss auf meine geometrische umsetzung der buchstaben. es ist eine art von minimalistischem abstraktem alphabetischem impressionismus, ich platziere einen buchstaben dort, wo die sonne steht und gebe ihm die farbe des sonnenaufgangs. manchmal entwickelt sich so das gesamte wortbild ganz von alleine, es ist nur ein hinundherschieben und zoomen der zeichen in dem quadratischen blanko, bis alles so passt, dass ich auf speichern klicke! außerdem habe ich das große glück, dass sich am anderen ende vom attersee das gustav-klimt-zentrum befindet, so dass ich nicht unbedingt bis nach linz oder wien muss, um malerei zu sehen, die meine fantasie anregt. für mein empfinden liegen lyrik und kunst nicht sehr weit auseinander und im gehirn fusionieren sowieso beide ebenen miteinander: das sehen und das denken. man denke mal an die berühmten bilder der schizophrenen, die nur ein landschaftsbild malen, das aber gleichzeitig ein gesicht darstellt! meine wortbilder sind sogesehen vexierbilder, in denen sich ähnliche rätsel verstecken: zum beispiel siehst du zunächst nur das wort, liest es etwas umständlich, so wie die buchstaben über das quadrat poltern, aber dann tritt die wahrnehmung ein stück weit zurück (indem du den arm mit dem handy ausstreckst und die augen leicht zusammenkneifst) und erkennt die GESTALT, das topografische muster! was ist das nun: lyrik oder kunst? es ist beides, je nachdem, wie du es anschaust. wer dann die landschaft mal selber besucht (in unterach lässt sich wunderbar urlaub machen!), wird verstehen, warum ich diese gewaltige energie nur minimalistisch andeute: die echte, reale wirklichkeit ist so unaussprechbar viel größer als jeder versuch, sie exakt einzufangen, in einem rahmen zu bannen, dass ich einfach nur demütig mein kleines verspieltes sprachprotokoll anfertige und dreimal tief durchatme. vielleicht hätte ich maler werden sollen, aber die reduktion kam mit der moderne nicht ohne grund, wenn du mal an piet mondrian denkst: er hat die landschaft irgendwann nur noch als prozentuale farbanteile in seine gitter platziert, weil das seiner art des erlebens entsprach. das geniale daran ist doch, wie solche werke sowohl impressionistisch als auch expressionistisch zu nennen sind, da ist die sinnliche beeindruckung von außen als impuls UND die verarbeitung durch die interpretation des geistes, des gemütes, der psyche und der emotionen. in den forschungsstipendien hatte ich ausgiebig zeit, mich solchen psychologischen/ästhetischen fragen zu widmen, um eine neue geistige haltung und methode zu entwickeln, die keine klassischen texte mehr benötigt, um "welterfahrung" zu verarbeiten und darzustellen.

 

 

03.nahbell-frage

 

was war denn VOR deinen wortbildern? gibt es "normale" moderne oder auch klassisch gereimte frühwerke von dir? wie hat bei dir überhaupt das literarische leben begonnen?

 

03.nahbell-antwort

 

schon, aber es sind eher unreife prosaische, anekdotisch bis experimentelle miniaturen zur verarbeitung von spätpubertärer orientierungslosigkeit und im duktus stark an meine damaligen vorbilder angelehnt. absurd, dass ich ausgerechnet mit dem daraus entstandenen "stil" (eher stilblüten!) finanziellen erfolg hatte, u.a. als anonymer werbetexter für modelabels, designhäuser, schmuckhersteller und die produktlinie einer drogeriekette, außerdem als ghostwriter für demagogische jubiläumsreden und grafisch verzierte hochglanz-jahresabschlussberichte von konzernbossen, aber auch dank abstruser stipendien und jobs bei kulturindustriellen global playern, die im literaturbetrieb keine rolle spielen, aber sich selber unglaublich bedeutsam finden, weil es um gigantische summen ging (als ob die "seele" eines kunstwerkes am verkaufspreis zu messen wäre!), so dass ich die elitäre dünne luft weiter oben in der kreativwirtschaft mit ihren stars und produzenten schnuppern durfte, was mich schon bald anekelte und zum totalen rückzug in die natur veranlasste. ich kann von glück reden, dass ich diese hohle prestigeblase von firmen und markennamen heil überstanden habe, ohne mich damit zu identifizieren/infizieren, obwohl es verlockend ist, überall rumgereicht zu werden und von allen seiten visitenkarten zugesteckt zu bekommen: "vielleicht eine kooperation für unser nächstes projekt? wir können gute leute immer gebrauchen!" mit diesem verschwörerisch durchgeknallten blick, der nach extasy, koks oder blutdiamanten riecht. das ist alles schon lange her und ich wollte sogar ein buch über meine zeit in der "high" society schreiben, aber mittlerweile verblassen die erinnerungen und ich kann gut auf die verspäteten killer verzichten, die das schweigen über solche firmen erzwingen. privat hatte ich damals eine phase, in der ich lyrik und literaturtheorie zur persönlichen kompetenzsicherung regelrecht verschlang (was meine auftraggeber nicht im geringsten interessierte), war zunächst inspiriert von der wucht eines h.c. artmann, der sensibilität eines alfred kolleritsch und vom existentialistischen tiefgang eines hans eichhorn, erlebte dann aber eine in meinen augen peinlich-prätentiöse performance-aktion von christian ide hintze, die mir klar machte: es geht gar nicht um literatur, sondern nur um authentische lebensintensität. die bewertung der qualität von lyrik ist abhängig von persönlichen vorlieben, nicht vom beherrschen klassischer versmaße oder der anwendung avantgardistischer techniken, geschweige denn vom coolnessfaktor elektronischer, digitaler, multimedialer verfahren. damit begann mein interesse an den wortakrobaten und ideenerfindern timm ulrichs und ben vautier, die sich mit ihren ästhetischen geistesblitzen in den öffentlichen raum begeben und dazu beitragen, dass sich die wirklichkeit durch ihre sprachinszenierungen überraschend neu, anders und mehrdeutig erleben und interpretieren lässt.

 

 

04.nahbell-frage

 

das klingt ja ziemlich abgeklärt, als ob du mit einer gesamten branche und einem lebensabschnitt abgeschlossen hättest, während dem du keine eigene kunst fabriziert hast, sondern nur zulieferer von auftragsarbeiten warst... welche autoren findest du in deiner jetzigen phase interessant?

 

04.nahbell-antwort

 

meine persönlichen helden, die mich seit langem begleiten und beeinflussen, sind neben dem großartigen peter weibel (den man eigentlich gar nicht nennen braucht, er ist in gewisser weise gott) die riege der "7B,2C,3G,2K", wie ich sie für mich einmal spaßeshalber getauft habe: max bill, max bense, erwin bauer, joseph binder, gerald bast, hans belting, norman braun, james coleman, ronald cohen, scott galloway, george gilder, siegfried gronert, kevin keller und philip kotler. außerdem mag ich die ästhetik von ron arad, den ich nach der matura noch ganz knapp 1997 an der wiener universität für angewandte kunst erleben konnte, wo er eine professur für produktdesign innehatte. ein bisschen schade ist allerdings, dass die meisten der bekanntesten namen im bereich medien-/produktkunst als auch die dazugehörigen designtheoretiker nicht aus österreich stammen, obwohl wir paradoxerweise überdurchschnittlich viele unternehmen in der kreativwirtschaft vorweisen können und auch sehr ambitionierte designstudios in österreich ansässig sind. was die kunstwelt betrifft, bin ich abgesehen von meiner liebe zu ulrichs und vautier fasziniert von jeff koons, weil er so hässliche objekte in die welt setzt, die trotzdem zur verzierung der noch hässlicheren metropolen taugen (ähnlich wie billiges, kitschiges weihnachtsgeschenkpapier unter einem vertrockneten weihnachtsbaum kostbar wirkt). im zeitgenössischen literaturbetrieb spricht mich eigentlich nur anatol knotek an, was wohl sehr nahe liegt, wenn man schon ulrichs & vautier vergöttert. knotek ist aber noch feiner, verspielter und poetischer, schafft ikonografische pop-art, die zugleich auch als deko/design funktioniert, sprich: er kann sowohl im musealen sterilen raum als "hohe" kunst präsentiert werden, so dass seine arbeiten als einmalige meisterwerke ihre wirkung entfalten, als auch in alltäglichen bereichen, wo man die originale als vorlagen für multiples nehmen könnte, vergleichbar mit banksy und warhol. knoteks werke regen mich auch an, über sie hinaus zu denken, sie weiter zu denken, ideen aufzugreifen und ausbauen zu wollen. dann gerate ich allerdings schnell in einen strudel, der ins unendliche auswuchert, und kehre lieber zum original zurück und spüre in seiner auratischen präsenz die geballte ladung an implizierter information. durch diesen umgang mit kunstwerken vertieft sich meine liebe zu einzelnen werken, ähnlich wie beim wiederholten lesen eines gedichtes immer mehr bedeutungsebenen durch labyrinthisch verzweigte kontexte aktiviert werden, um am ende wieder zur oberfläche zurückzukehren und es einfach nur "schön" zu finden oder es eben nicht zu mögen. meine eigenen bilder unterziehe ich auch diesem test, um zu entscheiden, ob ich sie in ihrer angedachten tiefe "schön" finde (und dann veröffentliche) oder ob ihre ästhetische primärebene keine psychogene "tiefenschönheit" hervorruft, sondern nur triviale wortakrobatik bleibt. dann ist ein derart eindimensionales bild nicht einmal als werbung geeignet, denn werbetexte müssen auch dazu verleiten, mehr aus ihnen herausholen zu wollen, ein geheimnis in ihnen zu wittern und es unbedingt lüften zu wollen. bestes (sexistisches) beispiel sind heute noch immer die bikini-models auf der kühlerhaube, weshalb sich ein mann nicht für ein auto entscheidet, weil es klimaneutral fährt, sondern weil das abwesende, unsichtbare model immer gedanklich auf der kühlerhaube liegen bleibt. ohne model ist das objekt "auto" ein zweckgegenstand, aber mit der assoziation der bikinibraut erhält das objekt eine geistige ebene, wird also kunst. so funktioniert eigentlich jedes produkt: wir wollen nicht wasser kaufen, weil es durst löscht, sondern wir wollen uns den herrlich frischen gesunden geschmack der angeblichen urquelle einverleiben, die auf der flasche abgebildet ist. jeder mensch will von dieser warte aus gesehen eigentlich nur kunst kaufen, also produkte, die ihn künstlerisch, also geistig anregen. und da sind wir dann auch schon beim "bauhaus" angelangt, wo kandinsky "über das geistige in der kunst" reflektierte! das ist doch erstaunlich: die welt der markenartikel erscheint einerseits oberflächlich, aber in wahrheit verfallen wir einem gebrauchsgegenstand, weil er eine geistige ebene anregt, die unsere sehnsucht nach irgendeinem ideal antriggert. es gibt also letztlich gar keinen unterschied zwischen kunst und kommerz, sondern nur zwischen STARKER (geistig anregender) und SCHWACHER (geistloser) werbung, die als inhalt vermarktet wird. wer sich eine kaffeetasse mit mondrian oder miró deko kauft, der kann den schlechtesten kaffeegeschmack mit dem lebensgefühl des künstlers wegkompensieren. jedes objekt in unserer alltagswelt (z.b. der klodeckel mit motiv) lässt sich dadurch aufwerten, natürlich nur scheinbar, aber die suggestive kraft der verzierung vernebelt den klaren blick für das konnotationsfreie objekt ohne höheren sinn. nimm der welt ihr deko weg, reiß ihr die schöne maske vom gesicht, und du starrst in die leere, den abgrund, den schlund der sinnlosigkeit! kein mensch kann eine welt ohne kunst sogesehen verkraften, zumindest nicht, wenn er einen sinn für die existenz benötigt. wer ohne sinn, ohne gott, ohne metaebene auskommt, der trinkt auch aus pappbechern rotwein, weil er den wein selber schmeckt, nicht die luxuriöse glasform oder das romantische ambiente. konkrete kunst oder visuelle poesie ist daher eine gratwanderung zwischen selbstzweck und sinn, zwischen der sache an sich und der sehnsucht nach mehr sinn. unser österreichischer exportschlager red bull funktioniert doch genau so: du trinkst nicht das zeug selber (über dessen geschmack sich nun wirklich streiten lässt!), sondern die konnotation der übermenschlichen kräfte, den wunsch nach sportlicher hochleistung, fitness, sexappeal und der anerkennung durch fans und verehrer. da steckt die gesamte tragödie des unglücklichen menschen in dem produkt! oder das große T der deutschen telekom, das erst dann (jedenfalls für manche) zum symbol für moderne kommunikation wird, wenn es im typischen firmenfarbton erscheint. ein farbloses T (das sich nicht patentieren lässt, weil die reine sprache allen gehört) würde niemand als künstlerisch wertvoll erachten, ganz gleich, wie originell und witzig es ins bild gesetzt wird. es ist dann bestenfalls eben ein kalauer - man könnte sagen: ein konkreter kalauer! die gibt es natürlich zuhauf in den social media, so wie auch massenhaft hobbygedichte millionen klicks erhalten, obwohl sie im grunde formal und auch inhaltlich nichts weiter als poesiealbumkitsch sind. da suche ich dann lieber zuflucht beim lesebuch von franz mon, das michael lentz 2013 herausgab ("zuflucht bei fliegen") oder versenke mich in die historie der ansätze, in denen ich mich zuhause fühle, wie zum beispiel in den band von bettina thiers aus dem jahre 2016 "experimentelle poetik als engagement: konkrete poesie, visuelle poesie, lautdichtung und experimentelles hörspiel im deutschsprachigen raum von 1945 bis 1970". mit blick auf den see bei einem marillenlikör, der hier gleich nebenan gebrannt wurde, lasse ich die historischen geister gedanklich übers wasser schweben und gedenke der mühe und leidenschaft, mit der sie dem orientierungslosen biederen nachkriegsliteraturbetrieb mit seinen völlig überschätzten erich frieds und walter höllerers neue impulse gaben. bei einem 3zeiler wie "my story / your story / history" von reinhard döhl wird mir verständlicherweise gleich warm ums herz, während mich sein berühmter cut-up bzw wortwörtlicher scherenschnitt "apfel mit wurm" von 1965 eher kalt lässt. aber das ist eben rein subjektive geschmackssache, was einen anspricht und was nicht. und als döhl oder dada epigone verstehe ich mich auch nicht, auch wenn manches als heimliche hommagen an diverse vorreiter angelegt ist.

 

 

05.nahbell-frage

 

inwiefern bewegst du dich denn heutzutage überhaupt im literaturbetrieb? werden deine arbeiten von anderen zeitgenössischen dichtern registriert? stehst du mit anderen "experimentellen" autoren in kontakt? wie viele likes kriegt ein bild von dir durchschnittlich auf instagram?

 

05.nahbell-antwort

 

die aktuelle szene experimenteller autoren scheint mir ziemlich begrenzt (hier in österreich gibt es immerhin das magazin "perspektive", obwohl ich dort selber noch nie vertreten war) und darunter sind dann auch nur wenige, die mir persönlich zusagen, weil mir vieles zu gewollt, zu zwanghaft experimentell wirkt, ohne aus dem dekorativen kalauer heraus zu kommen (ein vorwurf, den sich döhls mißverstandener "apfel mit wurm" übrigens auch gefallen lassen musste), der oftmals verkrampft inhaltslos überintellektualisiert wirkt, ganz ähnlich wie wenn normale dichter zwanghaft anglizismen verwenden, um ihr langweiliges gedicht zeitgeistig aufzuladen bzw eben nur mit einem hermetischen ernst aufzuhübschen, den der inhalt aber so gar nicht hergibt. während meiner zeit in der marketingbranche wurde mir immer wichtiger, auch gedichte als werbetexte zu begreifen, weil ihre psychoästhetische dimension durch die schriftsetzung beeinflusst wird. die beschäftigung mit dem berühmten "typografiestreit der moderne" zwischen jan tschichold und max bill im jahre 1946 (gibt es als buch von hans rudolf bosshard) macht einen sensibler für die form und vorsichtiger im umgang mit zeichen, die der allgemeinen kommunikation dienen. und da mittlerweile eigentlich alle mit digitalen verfahren arbeiten, ist natürlich auch max bense pflichtlektüre (zum leichten einstieg empfehle ich dafür das relativ neue buch "weltprogrammierung" von elke uhl & claus zittel), obwohl das kein firmenchef von mir jemals verlangt hat. die terrorisieren ihre grafikabteilungen immer nur mit dem historischen bogen "von binder (joseph) bis bauer (erwin)" und schwärmen von jean françois porchez, um beim name dropping nicht zu patriotisch zu wirken. aber wenn man sich ernsthaft mit typografie und grafikdesign auseinandersetzt, kommt man an bense ebenso wenig vorbei wie an bill, jedenfalls bei gehobenem künstlerischen anspruch. 2017 erschien dann im transcript verlag "poetik und poesie der werbung: ästhetik und literarizität an der schnittstelle von kunst und kommerz" (von martina allen & ruth knepel), als ich schon eifrig mit meinen quadratischen wortbildern experimentierte, und spornte mich an, in dieser richtung weiterzumachen. man bewegt sich mit solchen arbeiten zwar in einer kleinen randregion der lyrikszene, aber immerhin ist das theoriegepäck zentnerschwer, so dass es derzeit sehr aufregend ist zu beobachten, wo überhaupt noch in diese richtung geforscht wird. die wenigen likes und follower auf instagram zeugen davon. auch auf facebook kommentiert äußerst selten jemand meine werke. dabei ist feedback unendlich kostbar, denn durch kritik kann man analysieren, warum ein werk funktioniert oder nicht. vielleicht hilft mir der nahbellpreis ja, dass sich kollegen nun trauen, etwas vernichtendes oder erhebendes anzumerken? ich wäre 2018 zum beispiel sehr gerne in den wunderbaren horen-ausgaben 271/272 ("das wort beim wort nehmen: konkrete und andere spielformen der poesie") vertreten gewesen, muss ich ehrlich gestehen, aber wurde von der herausgeberin safiye can gar nicht angefragt. vermutlich kannte sie mich da gar nicht. oder meine arbeiten überzeugten sie nicht, wer weiß.

 

 

06.nahbell-frage

 

was mir auffällt, ist daß du nur berühmte männer nanntest, die dir bedeutsam erscheinen. gibt es keine wichtigen frauen im designbereich?

 

06.nahbell-antwort

 

oh doch, sehr wohl! gerade die junge innovative österreichische szene ist definitiv weiblich! letztes jahr wurde zum beispiel das innsbrucker designduo "weiberwirtschaft" (heidi sutterlüty-kathan & beatrix rettenbacher) mit dem erstmals ausgelobten regional fokussierten tiroler arthur zelger preis für "gute gestaltung" ausgezeichnet und darüber hinaus für den seit 1996 von designaustria international ausgeschriebenen joseph binder award nominiert! apropos binder: hier findet sich ein origineller berührungspunkt zwischen designszene, dichterszene und sozialem engagement; denn er kreierte 1924 das weltweit bekannte logo der kaffeehausmarke julius meinl (das erst 2004 durch matteo thun antirassistisch überarbeitet wurde, um nicht mehr an die kolonialsklaven zu erinnern), und eben julius meinl tat sich ab 2015 am weltpoesietag in seinen cafés und auf twitter mit der hashtag aktion #paywithapoem hervor: wer ein gedicht ablieferte, erhielt einen kostenlosen kaffee oder tee. und für jedes gedicht unterstützte meinl die organisation "worldreader" im weltweiten kampf gegen analphabetismus. aber das nur am rande. wir sprachen über die frauen im grafikbetrieb: im gegensatz zur debatte im literaturbetrieb bedarf es keiner quotendesignerinnen, weil die frauen sowieso aktuell stark im aufwind sind und im professionellen einfallsreichtum die männer längst überholt haben. aber weitere namen möchte ich nicht nennen, um nicht den falschen anschein zu erwecken, es gäbe da favorisierungen oder bewusste auslassungen. diese szene ist äußerst lebendig und produktiv und den überall ganz subtil tobenden konkurrenzkampf (der leider zu manch einer betriebsblinden stilblüte führt) will ich nicht durch persönlich gefärbte hervorhebungen anheizen. viel spannender finde ich, das augenmerk inhaltlich auf die spezielle entwicklung hin zu mehr "inclusive design" zu lenken, das nicht nur rein künstlerischem selbstzweck gehorcht, sondern eine soziale komponente in der anwendbarkeit verfolgt. denn auch die frage nach "ganzheitlich angewandtem" design wird insgesamt dringlicher mit den großen weltproblemen. der spartenübergreifende trend in wirklich allen disziplinen des lebens geht in richtung "impact investing", um die große (bürgerliche:) forderung, (überlebenstechnische:) an-forderung und (politische:) auf-forderung an sowohl traditionsmarken als auch start-ups (wie zum beispiel "plantika", die sich um eine realistische und dabei visionäre bepflanzung alter häuser in wien kümmern!) ernst zu nehmen, den anschluss an die wirtschaftlichen entwicklungen aufgrund des klimawandels und den neuen risiken des globalisierten kapitalismus nicht zu versäumen (und darin unterzugehen!), sondern grünes geld durch "positives" (sustainable/green/eco) investment zu generieren. die berechtigte angst vor der lichtgeschwindigkeit der informationsübertragung von satelliten und glasfaserkabeln, mit der massenmedien aus kleinen hinweisen, gerüchten und fake news in sekundenschnelle eine apokalyptische skandallawine auslösen können, schärft die sinne aller akteure (auch an der börse) für die nachhaltigen "esg" kriterien (environmental social governance). um in verhandlungsgesprächen nicht zu vergessen, worum es heute und zukünftig gehen muss, lässt sich die 3R formel verwenden, um pauschal zu analysieren, inwieweit sich ein unternehmen 1. r-essourcenschonend (umweltfreundlich), 2. r-espektvoll (statt diskriminierend/ausbeuterisch) und 3. r-enditediversifiziert transparent engagiert. aber das alles geht nun schon weit über unser eigentliches thema, die lyrik, hinaus, und ich will niemanden damit vergraulen. in meinem steckbrief verschleiere ich bewusst diese vorgeschichte, weil ich mich jetzt nicht mehr im spekulantenmilieu bewege, sondern im literarisch offenen feld.

 

 

07.nahbell-frage

 

was ich überhaupt nicht verstehe: du bist also design-insider, hattest erfolg in der grafikbranche, warst einmal marketingprofi und bist akademisch ausgebildet: warum verwendest du trotzdem für all deine wortbilder immer denselben unauffälligen schrifttyp?

 

07.nahbell-antwort

 

wer jahrelang dem designdruck von global playern so ausgeliefert ist, dass es zum burnout kommt, hat einfach lust, den spieß umzudrehen: vergesst alles fachwissen, ignoriert alle zwanghaften qualitätsstandards, schert euch nicht um die werbepsychologischen theorien, wenn es um spirituelle, seelische, existenzielle dinge im leben geht: wo die auftragsunabhängige "freie" kunst beginnt, da sollte anarchie herrschen und der widerspruch zur konvention! die schlimmste designkonvention, die wie dicke luft an der großraumbürodecke klebte, war meist: sei extrem ernsthaft traditionell verwurzelt und zugleich total unkonventionell verspielt! erfinde die ultimative form, das absolute zeichen, den finalen code, der sich automatisch ins hirn einbrennt, denn nur so wird das produkt zum verkaufsschlager und alle reich und berühmt. das ist ein hochgradig idealistischer spagat und ökonomischer leistungsdruck mit terminvorgabe, der nur selten zu einem brauchbaren ergebnis führt, weil er das kreative experimentieren, ausprobieren, forschen, recherchieren und mutige nichtdenken, chillen, entspannen, vom geometrischen gestaltwahrnehmen abschalten und meditative geduldüben schon im ansatz blockiert. so entsteht vielleicht manchmal rein zufällig ein irgendwie genialisches firmenlogo oder gemütliches möbelstück (gemütlichkeit hat mit design reichlich wenig zu tun!), aber das geistige tiefenprinzip von kandinsky spielt dafür keine rolle. ich habe mich für einen der schrifttypen entschieden, den die smartphones bereitstellen, und denke seitdem nicht mehr über ihn nach. bislang waren keine kombinierten schriften oder selbst entwickelte zeichen vonnöten, um die buchstabenlandschaften zu generieren, die mir vorort auf der bergspitze oder beim schwimmen im see urplötzlich einfallen, ohne auf ein flimmerndes leeres computerdisplay zu starren, aus dem mir die stimme der auftraggeber immerzu entgegenbrüllt: "es muß extraordinär sein! wann könnt ihr liefern?" da schmeisst du den pc irgendwann aus dem fenster und brüllst zurück: "the revolution is not desktop-designed!"

 

 

08.nahbell-frage

 

dann danke ich dir dafür, daß du so viel und ausführlich über dein lebensgefühl, deine kunst und deine beweggründe verraten hast, und wünsche dir, daß dem literarischen erfolg dadurch nichts im wege steht. ich jedenfalls bin mit dir gerne in diese unerwartete welt eingetaucht und habe nur noch eine letzte frage, mit der ich dir das finale wort überlasse: warum hast du mich damals beauftragt, deine domains für dich anzumelden (zumal eine .at-domain von deutschland aus doppelt so teuer ist), obwohl du in diesen angelegenheiten viel kompetenter wirkst, und wie lässt sich deine internetpräsenz mit der erkenntnis vereinbaren, daß die revolution nicht am computer stattfindet?

 

08.nahbell-antwort

 

nun, eine revolution ist wohl heutzutage viel abhängiger von digitalen technologien, als uns geheuer ist, aber es liegt auch eine chance und noch unglaublich viel ungenutztes potenzial darin! für revolutionen ist kommunikationstechnologie ausschlaggebend und die haben wir heute schon, während wir beide uns jetzt gerade mithilfe verdeckter nullen und einsen unterhalten, so weit vorangetrieben, dass in diesem moment eine von der erde ferngesteuerte drohne über die marsoberfläche fliegen kann - das ist science fiction pur! da kriege ich gänsehaut! aber hinter all der technologie stehen die menschen, die sie erfinden und zu friedlichen zwecken einsetzen. ob wir "transhumanische" fortschritte verzeichnen mit quasi-telepathisch kontrollierbaren künstlichen gliedmaßen, dank derer ein mensch nach einem unfall wieder eigenständiger leben kann; ob blinde, die wieder sehen möchten, opfer von werbespam werden, der direkt über die neurochips von den elektronisch vernetzten litfaßsäulen auf die netzhaut projiziert wird (während die plakatwände in echt immer strahlend weiß bleiben: als umkehrszenario des 1988er kultfilms "they live" von carpenter), weil sich ein armer mensch vielleicht nur das billigste kassengestell leisten kann; ob wir irgendwann so viele sinne und alltagsbereiche an dreidimensionale, lernfähige computersysteme koppeln, dass wir dann nicht mehr wissen, ob wir überhaupt die echte oder nur noch virtuelle welt wahrnehmen - das alles hängt davon ab, ob wir als menschheit rechtzeitig kollektiv bereit sind, das herz für das große gefühl zu öffnen, eine einzige große familie auf einem kostbaren, wahrscheinlich einmaligen biologischen raumschiff zu sein. wertschätzung wird dann nicht mehr durch luxuriöse prestigeobjekte von außen konstruiert, sondern verlagert sich in eine innere wertschöpfung, die aus dem käfig der konsumistischen haltung entfliehen konnte und gegenseitige hilfsbereitschaft höher bewertet als gegenseitige ausbeutung. dafür müssen menschen spüren, dass es lebenswerter ist, sich in einer freund(schaft)lichen welt ohne angst und kontrolle gegenseitig zu unterstützen und aneinander zu wachsen, anstatt den ganzen technologischen reichtum nur für übertriebene securityzwecke und neurotische bedürfnisse zu vergeuden. das andere, deine frage zu den domains, ist schnell erklärt: als ich von deinen administrativen service-angeboten in deinem steckbrief las, wurde mir klar, dass ich dadurch meine anonymität wahren kann, da ich offiziell nicht als besitzer der domains im register stehe. das geld spielt bei mir keine rolle, da ich dank einiger patente und lizenzvergaben aussorgen konnte. ich fühle mich sehr durch deinen preis geehrt, das gesamte projekt "G&GN" ist in meinen augen auch trendunabhängig und nachhaltig, und darum bin ich sehr dankbar, in diese ahnenreihe noch lebender lyrik-kollegen aufgenommen zu werden. danke dafür!