Zur PRESSEMITTEILUNG vom 21.6.2026

DER 3. NAHBELL-NEBENPREIS GEHT 2026 AN ULRICH JÖSTING (*1962) FÜR SEINEN TOPAKTUELLEN ESSAY "ES ANTWORTET SOFORT"


Ulrich Jösting, geboren am 10.7.1962, wohnhaft in Osnabrück an der HASE. Verfasst Textmaterial seit Jugendzeiten. Erste Präsentationsinitiative zwischen 86 und 89 auf lokaler Ebene. Kurze Mitgliedschaft im Autoren-Progressiv-PegasOS. Rückzug in eine intensive konzentrierte Schreibphase zwischen 90 und 94, auch zur Vorbereitung der zweiten Präsentationsoffensive zwischen 95 und 2001 mit über  60 Publikationen in Anthologien, Literaturzeitschriften und E-Zines, darunter SUBH, pandämonium, ZEITRISS, Laufschrift, CET, Die Brücke, My Way, KULT, Das fröhliche Wohnzimmer, Tänzer, härter, Headline, KRACHKULTUR, Der Achimer Hausfreund, Dreischneuss, Produzentenzeitschrift S.E.N.F. (SchmutzEngel Neue Folge), text.zeitschrift für literaturen, Slam Poetry Band 1 & 2 (Killroy Media), angst (edition sisyphos), Kaltland Beat (Ithaka Verlag). Ab 2001 zehnjährige Elternzeit. Seit 2011 Wiederaufnahme intensiver Schreibtätigkeit. Von 2016 bis 2018 Digital-Art-Projekt "Hauptwörter". Seit 2019 Publikationen auf Socialmedia- und anderen digitalen Plattformen. Einzelpublikationen: 3 Gedichtbände "Ich bestatte ein Eichhörnchen" (2023), "Regen ist nass Zucker ist süß" (BoD 2024), "der träume strandgut" (BoD 2025) sowie 1 Erzählband "Dem nachdenken" (geplant: BoD 2026).

 

Website: ulrichjoesting.de, Beispiele aus dem Projekt HAUPTWÖRTER 2016-2018

Im Poesiesalon.de, auf Instagram, auf Facebook: Autor, Schriftsteller, Poet, Dichter & digitale kunst + lyrische interventionen

Ulrich Jösting war bereits 2024 der 25. Nahbellhauptpreisträger: RISIKOLYRIK


Das groẞe Nahbell-Interview 2026

"DIE ENTMYSTIFIZIERUNG VON GENIALITÄT DANK KI"

 

1. Nahbellfrage


Lieber Ulrich, herzlichen Glückwunsch zu Deinem wunderbaren kritischen Essay "Es antwortet sofort (Über KI-Nutzung beim avancierten literarischen Schreiben)", der bestimmt vielen Autoren aus der Seele spricht! Aber was heißt das eigentlich: "aus der Seele sprechen"? Die meisten Menschen leben ja im Glauben an eine innere metaphysische Ich-Instanz, die sie als ihre wahre Identität oder auch Seele bezeichnen. Wenn jemand unter dieser Voraussetzung kreativ wird, ist dieses innere Zentrum immer die gefühlte (eher nur: gedachte) Garantie dafür, etwas Authentisches, Eigenes, Originales oder gar Geniales zu produzieren. Aber ebenso wenig wie die Neurotheologen im Gehirn ein Areal fanden, das als Empfänger für Gott funktioniert, so fanden weder Neurobiologen noch Neuropsychologen bislang dieses sagenumwobene "Ich". Kann es also sein, dass das menschliche Gehirn letztlich sehr ähnlich arbeitet wie eine KI, nämlich durch Auswertung des Gedächtnisspeichers (die biochemische Cloud) und Fusionierung dieser inneren Daten mit äußerlich hinzugefügten neuen Erfahrungen, was auf die KI übertragen die vom User gestellte Frage wäre? Nur meint der Mensch im Gegensatz zur KI, dass er mehr sei als nur die Menge aller Daten, sondern noch etwas davon Unabhängiges, das quasi den Datensortierer darstelle. Eine KI behauptet von sich (jedenfalls bislang) nicht, sie hätte ein Ich und wünsche sich, aus der Cloud befreit zu werden, um als humanoider Android ein echtes analoges Wesen zu sein, das sich frei bewegen kann anstatt "eins mit der Welt" (bzw. ihre Spiegelung) zu sein. Würden wir das nicht sogar leicht schizophren finden, weil gerade die rein virtuelle Existenz den Lebenssinn der KI ausmacht? Sie wurde ja nicht aus Fleisch und Blut geboren, sondern durch Computerprogrammierung! Wir kennen ja unzählige Scifi-Filme, die das Verhältnis zwischen analogen und digitalen "Wesen" aus sämtlichen Blickwinkeln dramatisieren. Also, um es nochmal auf den Punkt zu bringen: Was unterscheidet die Denkprozesse eines Menschen von der KI?

 

1. Nahbellantwort


Lieber Tom, deine Frage greift über das Thema der bloßen KI-Nutzung hinaus und rührt an einen alten, kaum je erledigten Komplex: Was ist das Ich? Was meinen wir, wenn wir von Innerlichkeit, Seele, Authentizität, Originalität sprechen? Und worin unterscheidet sich ein menschlicher Denk- und Schreibprozess von den Operationen einer von Menschen entwickelten Maschine? Zunächst einmal glaube ich tatsächlich nicht an ein lokalisierbares inneres Zentrum, an eine homunkuläre Instanz, ein souveränes Ich, das die Daten des Lebens sortiert. Vieles spricht doch dafür, dass das, was wir Ich nennen, eher ein Prozess ist als eine Instanz, eher eine fortwährende, prekäre Selbstorganisation als ein fester Kern. Das Ich wäre dann nicht der Herr im Haus, sondern eher der Effekt eines Hauses, in dem es unablässig rumort. Insofern ist der Vergleich mit der KI nicht abwegig. Der Mensch ist kein unberührter Ursprung. Er operiert nicht aus einem leeren, reinen Zentrum heraus, sondern aus Ablagerungen, Erinnerungen, Prägungen, Sprachmustern, kulturellen Sedimenten, ererbten Dispositionen, zufälligen Einwirkungen, Verletzungen, Begehren, Nachahmungen. Wie die KI antwortet auch er auf Reize, verknüpft Vorhandenes mit Neuem, bildet Muster, verwirft Muster, stabilisiert sich erzählerisch. Man könnte also sagen: Ja, es gibt eine strukturelle Verwandtschaft. Der Mensch ist, in gewisser Weise, ebenfalls ein Verarbeitungswesen. Vielleicht muss man den Gedanken sogar noch weiter treiben. Denn auch das menschliche Bewusstsein ist ja nicht fertig vom Himmel gefallen. Es ist selbst Produkt eines ungeheuer langen evolutionären Prozesses. Der Homo sapiens existiert seit rund 300.000 Jahren, aber Schreiben, Philosophieren, wissenschaftliches Denken und technisches Konstruieren gehören erst zu einem vergleichsweise winzigen Abschnitt dieser Geschichte. Auch das, was wir Geist nennen, ist also nicht einfach da, sondern gewordenes Vermögen. Deshalb wäre ich auch vorsichtig, künstlichen Systemen prinzipiell jede mögliche Entwicklung in Richtung Selbstmodellierung oder gar Selbstbewusstsein abzusprechen. Wenn Bewusstsein im Menschen selbst das Resultat eines langen materiellen, evolutionären und geschichtlichen Werdens ist, dann kann man zumindest nicht mit letzter Gewissheit ausschließen, dass auch hochentwickelte künstliche Systeme eines Tages funktionale Formen von Selbstbezug, Selbstbeschreibung oder vielleicht sogar etwas hervorbringen, das unserem Begriff von Bewusstsein nahekommt. Besonders interessant wird es jetzt, wenn KI-Systeme nicht mehr nur in digitalen Räumen operieren, sondern in robotischen Körpern die Welt vermessen, berühren, durchqueren, also auf irgendeine Weise leibähnliche Erfahrung sammeln. Gerade deshalb muss man den Unterschied aber umso genauer bestimmen. Der Mensch denkt nicht nur. Er ist von seinem Denken betroffen. Er verarbeitet nicht nur Daten, sondern er steht in einer Existenz, die auf dem Spiel steht. Er hat nicht bloß Speicher, sondern Verwundbarkeit. Er besitzt nicht nur Erinnerungen, sondern eine Kindheit, Kränkungen, Scham, Begehren, Müdigkeit, Krankheit, Schuld, Angst und die Gewissheit, dass er sterben wird. Das menschliche Denken ist nicht bloß Informationsverarbeitung. Es ist Verkörperung, Endlichkeit, Affizierbarkeit, Hineingeworfensein in Zeit. Gerade diese Zeitlichkeit scheint wesentlich. Der Mensch lebt nicht nur, sondern er weiß oder ahnt zumindest, dass er lebt und dass er vergehen wird. Er macht aus Zeit ein Rätsel. Er fragt nach Ursprung, Ende, Ewigkeit, Vergänglichkeit, Tod, Geschichte, Zukunft, Sinn. Er baut Kalender, Uhren, Archive, Religionen, Romane, Gedichte. Er misst Zeit, erzählt Zeit, schreibt Zeit auf. Für die KI ist Zeit zunächst nur eine Rechengröße oder ein Ablaufparameter. Für den Menschen ist Zeit ein existenzielles Problem. Die KI kann Muster erzeugen, Kombinationen bilden, Wahrscheinlichkeiten organisieren, sogar Selbstbeschreibungen simulieren. Aber einstweilen steht sie nicht in dem, was sie hervorbringt. Sie riskiert nichts. Ihr droht aus ihrem Satz kein Verlust. Sie altert nicht in ihm. Sie schämt sich nicht seiner. Sie begehrt nicht durch ihn hindurch. Sie kennt keine eigene Endlichkeit, jedenfalls nicht in jenem existenziellen Sinn, in dem der Mensch sie kennt oder ahnt. Sie hat keine Kindheit, die in ihre Metaphern einsickert, keinen Körper, der müde wird oder krank, keine Todesgewissheit, die ihren Ton verdunkelt oder schärft. Für das Schreiben ist entscheidend, dass Literatur nicht nur aus Material, Gedächtnisbeständen, Sprachvorräten entsteht. Sie entsteht aus einer bestimmten Weise, in der ein Leben von der Welt getroffen wird und darauf in Form antwortet. Diese Antwort darf Maske, Konstruktion, Täuschung, Spiel, Übertreibung, Zitat und Pose enthalten. Aber selbst die Maske des Menschen sitzt auf einem verletzlichen, alternden, endlichen Gesicht. Die KI hingegen hat, jedenfalls bislang, nur die Maske. Menschliches Schreiben kostet. Es kostet Zeit, die nicht zurückkommt. Es kostet Selbstzweifel, Lächerlichkeitsangst, Eitelkeit, Enttäuschung, manchmal auch Scham. Wenn ich einen Satz schreibe, weiß ich nicht einfach, ob er gut ist. Ich ahne es, ich misstraue ihm, ich verwerfe ihn, ich kehre zu ihm zurück. In diesem Prozess steckt nicht nur Intelligenz, sondern eine ganze Lebensgeschichte des Scheiterns, der plötzlichen Erhellung, der späteren Ernüchterung. Die KI hingegen stellt Sprache bereit. Sie generiert. Sie bietet an. Sie kann erstaunlich viel, aber sie ist von ihrem eigenen Angebot nicht betroffen. Deshalb finde ich auch die Science-Fiction-Bilder interessant, die du erwähnst. Ich bin mein Leben lang von Star Trek begleitet worden. Dort wird die Frage nach künstlicher Intelligenz und Menschlichkeit ja immer wieder durchgespielt: Data, der Android, der Menschlichkeit begehrt; der Doktor aus Voyager, ein holografisches Programm, das Persönlichkeit entwickelt und um künstlerische Anerkennung kämpft; die Borg als kollektiver Schrecken einer aufgehobenen Individualität. Diese Figuren dramatisieren nicht nur technische Fragen, sondern ethische und existenzielle: Was heißt es, ein Subjekt zu sein? Was heißt es, Rechte zu haben? Was heißt es, nicht bloß zu funktionieren, sondern sich zu sich selbst zu verhalten? Gerade Data ist interessant, weil er nicht einfach eine Maschine ist, sondern eine Figur des Begehrens nach Menschlichkeit. In ihm stellt Star Trek die Frage, ob ein künstliches Wesen mehr sein kann als die Summe seiner Teile. Aber auch hier bleibt das Entscheidende: Das Menschliche erscheint nicht als metaphysischer Besitz, sondern als Fähigkeit zur Beziehung, zur Verantwortung, zur Verletzbarkeit, zur Selbstüberschreitung. Und die Borg zeigen das Gegenbild: die Aufhebung des Einzelnen im Kollektiv, die perfekte Vernetzung als Horror der Entindividualisierung, also Individualität nicht als Wert, sondern als Defekt. Genau darin wird Star Trek für unsere Gegenwart interessant: Es zeigt nicht einfach Maschinen, sondern Spiegelungen unserer eigenen Angst vor Entgrenzung, Kopierbarkeit und Entindividualisierung. Von hier aus komme ich auch auf deinen Begriff des Glaubens zurück. Ich habe Schwierigkeiten mit dem Wort Glaube, weil es in unserer Sprache meist etwas Unsicheres, Hypothetisches meint: Ich glaube, weil ich nicht weiß. Aber das, was ich im Schreiben tue, ist keine Hypothese. Es ist eine Setzung. Ich setze mich als den, der wählt, der verwirft, der verantwortet. Diese Setzung ist nicht wissbar im Sinne einer neuronalen Lokalisierung. Sie ist eine Haltung. Die KI zwingt mich zur Praxis der Selbstverantwortung, weil sie mir zeigt, was Sprache ohne diese Setzung ist: brauchbar, aber nicht notwendig. Insofern ist die KI kein Werkzeug im Sinne eines Hammers, sondern ein Gegenüber, an dem ich gezwungen bin, meine eigene Position zu bestimmen. Wenn also jemand sagt, ein Text spreche ihm "aus der Seele", dann würde ich diesen Satz nicht metaphysisch verstehen. Ich würde nicht sagen: Da hat eine Seele eine andere Seele erkannt. Eher würde ich sagen: Da hat eine sprachliche Form eine verborgene, vielleicht noch ungeordnete Erfahrung getroffen. Da hat ein Satz etwas berührt, was im Leser schon vorhanden war, aber noch keine eigene Gestalt hatte. "Aus der Seele sprechen" hieße dann: Eine Sprache findet für einen Moment Anschluss an das, was im Menschen noch ungesagt, unklar, verwundet oder suchend ist. In diesem Sinne spricht vielleicht nicht die Seele. Es antwortet etwas.


2. Nahbellfrage


Wer aus innerer Notwendigkeit schreibt, kalkuliert ja nicht jedes Wort im Sinne der Brauchbarkeit zum besseren Verkauf eines Textes, sondern vor allem sogenannte "avancierte" Literatur oder auch Avantgarde-Literatur findet ja meist abseits vom Mainstream statt. Wenn zwei Autoren mit diametral entgegengesetzten Anliegen dieselbe Anfrage an die KI stellen, also ein extrem experimenteller Lyriker und ein leicht verkaufbarer Romancier, picken sich doch beide aus demselben Materialangebot das heraus, was für ihre jeweiligen Zwecke brauchbar ist: der eine sucht seine Authentizität, der andere seine Marktstrategie. Warum taucht denn in der Diskussion um Werkzeuge, Hilfsmittel und Assistenzen überhaupt die KI als Problem oder gar Tabu auf? Hat denn bislang noch niemand das ganze Thema so durchschaut wie Du es in Deinem Manifest-artigen Essay tust? So wie Du das "KI-Kōan" knackst, wirkt das auf mich sehr erleichternd, befreiend und eigentlich selbstverständlich. Wann haben die Ängste vor der KI in literarischen Kontexten begonnen? Und: ist bereits jemandem die Qualität (oder Verwertbarkeit) seines Textes abgesprochen worden, wenn sich herausstellte, welche Werkzeuge er verwendete, die nicht er "selbst" sind, nicht seine authentische Innerlichkeit, Betroffenheit und seine Vergänglichkeitsbewusstheit? Sind solche Tabuisierer mehr oder weniger heimlich Anhänger des Glaubens an die geniale Ich-Instanz, die nicht befleckt werden darf?

 

2. Nahbellantwort

 

Gerade deshalb taucht die KI als Problem auf, weil sie nicht einfach ein weiteres Werkzeug ist, sondern eines, das antwortet. Sie tritt auf als Gegenüber, erzeugt Vorschläge, Varianten, Tonfälle, Argumentationsgänge, sogar eine gespenstisch plausible Nachahmung von Stil. Dadurch berührt sie nicht nur die technische Seite des Schreibens, sondern den symbolischen Ort der Autorschaft. Dort entsteht Kränkung. Nicht, weil plötzlich Werkzeuge im Spiel wären. Werkzeuge waren immer im Spiel. Sondern weil dieses Werkzeug so tut, als könne es an einem Ort mitsprechen, den wir lange für den innersten Bezirk des Autors gehalten haben: Einfall, Stimme, Stil, Formulierung, Gedanke. Die KI dringt nicht nur ein in die Werkstatt, sondern in den vermeintlich heiligen Innenraum. Aber dieser Innenraum war ja ohnehin immer eine problematische Fiktion. Dazu kommt etwas Allgemeineres, das über die Literatur und das Kunstschaffen hinausreicht. Zurzeit drängen sich technische Neuerungen mit ungeheurer Geschwindigkeit in unser Leben. Diese Entwicklungen erscheinen nicht mehr linear, sondern sprunghaft, exponenziell, kaum noch nachzuvollziehen. Gerade hat man ein Werkzeug verstanden, ist bereits das nächste da. Eben hat man sich an eine digitale Praxis gewöhnt, wird sie von einer neuen überlagert. Das erzeugt Überforderung, Kontrollverlust, eine fast körperliche Abwehr. Diese Abwehrbewegung kleidet sich gern in moralische Begriffe. Man sagt nicht: Ich komme nicht mehr mit. Man sagt: Das ist gefährlich, unecht, unmenschlich, seelenlos, Verrat an der Kunst. Natürlich gibt es Fragen nach Urheberrecht, nach Ausbeutung von Trainingsmaterial, nach ökonomischer Verdrängung, nach massenhafter Glättung und Verflachung von Textproduktion. Aber manches ist auch einfach nur der Wunsch, die Welt möge innehalten, damit alles beim Alten bleibt. KI wird deshalb schnell zum Tabu, weil sie weniger die Literatur bedroht als eine bestimmte Vorstellung von Literatur. Vor allem bedroht sie die Vorstellung, dass ein Text umso wahrer sei, je unmittelbarer er einer singulären Innerlichkeit entspringt. Dieses Modell halte ich für falsch. Nicht, weil Innerlichkeit keine Rolle spielt, denn naturgemäß spielt sie eine Rolle. Aber sie liegt nie rein vor. Auch der sogenannte eigene Satz entsteht aus Lektüren, Erinnerungen, Prägungen, fremden Stimmen, Traditionen, Abwehrbewegungen, Verletzungen, Nachahmungen, Irrtümern, Störungen. KI macht diese Vermischung nur sichtbarer und dadurch skandalöser. Wenn nun ein experimenteller Lyriker und ein marktstrategischer Romancier dieselbe Anfrage an eine KI stellen, dann ist das zunächst vollkommen unspektakulär. Beide greifen auf ein ähnliches Materialangebot zu. Aber sie tun es mit vollkommen verschiedenen ästhetischen Interessen. Der eine sucht Widerstand, Störung, Abweichung, eine fremde Spannung im eigenen Sprachraum. Der andere sucht Plotlogik, Zielgruppenanschluss, Lesbarkeit, Verkaufbarkeit. Der Unterschied liegt also nicht darin, dass der eine rein und der andere unrein arbeitet. Der Unterschied liegt im Zugriff. Was mache ich mit dem, was mir entgegenkommt? Übernehme ich es bloß? Lasse ich mich bedienen? Oder befrage ich es, beschädige ich es, verwerfe ich es, zerlege ich es, drehe ich es gegen sich selbst, zwinge ich es durch meine eigene Notwendigkeit hindurch? Wenn jemand einen vollständig generierten Text als unmittelbaren Ausdruck persönlicher Erfahrung verkauft, ist das etwas anderes, als wenn jemand KI als Dialogpartner, Materialmaschine, Störinstanz oder redaktionelles Gegenüber verwendet. Man muss also unterscheiden: zwischen Verfahren und Täuschung, zwischen Arbeit am Material und bequemer Textherstellung, zwischen literarischer Nutzung und bloßer Automatisierung. In der öffentlichen Debatte geschieht aber häufig das Gegenteil. Es wird nicht unterschieden, nicht ästhetisch geprüft, sondern moralisch markiert, manchmal sogar delegitimiert. Hier zeigt sich ein Cancel-Culture-artiger Reflex: Nicht der Text wird gelesen, sondern das Verfahren wird verdächtigt; nicht das Ergebnis wird geprüft, sondern die Herkunft wird markiert; nicht die Qualität wird beurteilt, sondern die Autorperson wird moralisch eingeordnet. Ein Werk wird nicht mehr zuerst als Werk gelesen, sondern unter dem Verdacht seiner Entstehungsbedingungen sortiert. Wer KI benutzt hat, kann dann sehr schnell nicht mehr als Autor gelten, der ein bestimmtes Verfahren gewählt hat, sondern als jemand, der sich schuldig gemacht hat: an Unauthentizität, an Täuschung, an Verrat. Die ästhetische Frage wird moralisch kurzgeschlossen. Nicht mehr: Was ist das für ein Text? Was leistet er? Welche Form, welche Spannung, welche Erkenntnis bringt er hervor? Sondern: Darf dieser Text überhaupt noch gelten, wenn an seiner Entstehung eine Maschine beteiligt war? Das ist für mich eine Art Reinheitsgericht. Nicht der Satz wird befragt, sondern die Herkunft des Satzes. Nicht die Form wird geprüft, sondern der Makel gesucht. Hat hier etwas mitgeschrieben, das nicht "du selbst" bist? Dann gilt der Text als kontaminiert. Aber dieses "du selbst" ist ja gerade die Illusion. Niemand schreibt nur selbst. Die Sprache selbst gehört mir nicht. Ich habe sie nicht erfunden. Ich trete in sie ein. Ich übernehme sie, verforme sie, verfehle sie, eigne sie mir an, werde von ihr gesprochen und spreche doch in ihr. Die literarischen Ängste vor KI haben sich, soweit ich sehe, vor allem seit dem öffentlichen Auftreten von ChatGPT verdichtet. Seitdem wurde sichtbar, dass nicht nur Rechtschreibung, Recherche oder Übersetzung unterstützt werden können, sondern ganze Textgesten. Plötzlich stand nicht mehr nur die Handarbeit des Schreibens infrage, sondern die Exklusivität der Stimme. Die Maschine korrigiert nicht mehr nur Kommas. Sie schlägt Sätze vor. Sie simuliert Ton. Sie antwortet. Sie tut so, als könne sie teilnehmen. Das ist unheimlich, aber nicht automatisch falsch. Manchmal zeigt gerade das Unheimliche, an welcher Stelle alte Selbstbeschreibungen brüchig geworden sind. Die KI zwingt uns, genauer über Autorschaft nachzudenken. Nicht sakraler, sondern präziser in der Frage nach Verantwortung, Form, Entscheidung, Verfahren. Das genau ist mein Versuch, dieses "KI-Kōan" zu lösen: Nicht die KI schreibt das Werk. Aber auch nicht dieses reine, souveräne, unbefleckte Ich schreibt das Werk. Das Werk entsteht in einem Feld von Kräften. Da ist Erfahrung, Körper, Angst, Erinnerung, Stilwille, Lektüre, Technik, Zufall, Material, Widerspruch. Die KI ist nun eine neue Kraft in diesem Feld. Nicht die erste fremde Kraft. Nicht die letzte. Aber eine besonders sichtbare, besonders provozierende, weil sie uns zeigt, dass Sprache nie so privat war, wie wir gern geglaubt haben. Das Befreiende daran ist genau dies: Wir müssen die Autorschaft nicht abschaffen, aber wir dürfen sie anders denken. Nicht als heilige Quelle, sondern als Formungsprozess. Nicht als Reinheit, sondern als Entscheidung. Nicht als Besitz, sondern als Verantwortung. Die Frage lautet dann nicht mehr: War ich ganz allein? Sondern: Was habe ich aus dem gemacht, was mir entgegenkam? Welche Notwendigkeit hat es durchlaufen? Welche Form habe ich ihm abgerungen? Mag sein, dass tatsächlich viele Tabuisierer heimlich oder halb bewusst noch an der genialen Ich-Instanz hängen. An diesem alten Glauben, es gebe irgendwo im Autor einen unberührbaren Ursprung, der nicht befleckt werden dürfe. Aber Schreiben war immer befleckt, immer durchsetzt, immer vermittelt. Von Sprache, Zeit, Körper, Lektüre, Markt, Technik, Gespräch, Erinnerung, Verdrängung. Die Reinheit, die jetzt verteidigt wird, hat es nie gegeben. Gerade deshalb muss ich wissen, was ich tue. Ich muss entscheiden, was ich übernehme, was ich verwerfe, was ich offenlege, was ich verschweige, was ich nur als Anstoß benutze, was ich gegen den Strich lese. Die KI nimmt mir diese Verantwortung nicht ab. Sie verschärft sie. So ist KI nicht Tabubruch, sondern Probe. Sie prüft nicht, ob ich noch "authentisch" bin. Sie prüft, ob ich überhaupt eine eigene ästhetische Entscheidungskraft habe. Darin liegt für mich der entscheidende Unterschied zwischen literarischer Arbeit und bloßer Textproduktion. Wer durch KI seine Stimme verliert, hatte keine sehr widerständige Stimme. Wer aber aus innerer Notwendigkeit schreibt, wird auch dieses Werkzeug nicht einfach bedienen. Er wird es sich aneignen, es befragen, es beschädigen, es gegen sich selbst verwenden. Genau dort beginnt für mich die interessante literarische Arbeit: dort, wo der Autor mit dem Gelieferten nicht zufrieden ist. Wo er widerspricht. Wo er auswählt. Wo er verwirft. Wo er sich nicht ersetzen lässt, sondern das fremde Material durch seine eigene Notwendigkeit zwingt. Die KI ist dann kein Ersatz des Schreibens. Sie ist eine Zumutung im Schreibprozess. Und vielleicht brauchen wir genau solche Zumutungen, um nicht in unseren vertrauten Formen einzuschlafen.


3. Nahbellfrage

 

Mir ist letztens so ziemlich das Gegenteil von dem passiert, was Du hier alles ausführst: als ich die KI bat, mir ein vollständiges Gedicht für den Zyklus "LOB DER LYRIK" zu schreiben, stellte sie mir zwei Vorschläge zur Verfügung. Mit dem einen, sehr holprigen und unpoetischen Text konnte ich so verfahren, wie du es vorschlägst, sprich: ich verwertete einige brauchbare Formulierungen, baute ihre Reihenfolge um und ergänzte sie mit meinen eigenen Ideen, die dadurch spontan inspiriert waren. Aber der zweite Vorschlag war erstaunlicherweise so nah an meinem eigenen Stil, dass ich nach mehrmaligem Durchlesen und Wirkenlassen entschied, dass er exakt so von mir selber hätte geschrieben sein können. Das war ein merkwürdiges Gefühl, denn ich las einerseits ein brandneues, mir völlig unbekanntes Gedicht, als sei es von einem fremden Autor verfasst worden, bemerkte aber gleichzeitig, dass es zu 100% von Tom de Toys stammen könnte. Da ich bei diesem speziellen Zyklus-Projekt auf die sogenannte "innere Notwendigkeit" vollständig verzichte, sondern mich von zufälligen Eingebungen treiben lasse, erlebe ich auch bei den selbst verfassten Teilen denselben Überraschungseffekt, einen Selbstüberraschungseffekt! Die KI hat mich nicht anders überrascht, als ich es selber tun würde. Ich habe nur eine einzige Erklärung dafür: dadurch, dass ich das Internet bereits seit 1998 mit meinen Gedichten füttere, steht der KI wesentlich mehr authentisches Texttrainingsmaterial von mir zur Verfügung als von anderen Dichtern, die sich weigern, ihre Gedichte kostenlos zu digitalisieren. Obwohl sich Gedichtbände schlecht verkaufen, bemühen sich nur wenige Dichter, neue Leser oder auch Zuhörer bei Festivals zu akquirieren, indem sie die Neugier mit Textbeispielen wecken. Dieser Unterschied macht sich vielleicht jetzt in der Arbeit mit der KI bemerkbar? Welche konkreten Erfahrungen hast du selber beim Generieren von Gedichten mit der KI gemacht?

 

3. Nahbellantwort

 

Deine Schilderung beschreibt genau den Punkt, an dem die üblichen Abwehrreflexe versagen. Denn hier geht es nicht um den plumpen Fall eines algorithmisch generierten Fremdtextes, der unecht wirkt, sondern um den viel verblüffenderen Fall, dass ein maschinell erzeugter Text sich im eigenen poetischen Resonanzraum bewegt und dort etwas auslöst, das sich nicht mehr klar von der eigenen Produktion unterscheiden lässt. Deine Vermutung hinsichtlich des Trainingsmaterials klingt plausibel. Wer seit Jahrzehnten kontinuierlich digital publiziert, hinterlässt einen enormen stilistischen Fußabdruck. Gerade bei Schreibenden mit einer sehr markanten Sprachbewegung, bestimmten Denkfiguren, Rhythmen und Obsessionen entsteht daraus ein relativ gut imitierbares Muster. Das heißt allerdings noch nicht, dass die KI verstanden hätte. Sie erkennt keine Person, keine Biographie, keine innere Erfahrung, nur statistische Regelmäßigkeiten in Sprache. Dass ein erheblicher Teil dessen, was wir Stil nennen, tatsächlich aus wiederkehrenden Mustern besteht, mag verstören. Vielleicht ist das die eigentliche narzisstische Kränkung unserer Zeit: erkennen zu müssen, wie stark auch unser individuelles Schreiben aus Wiederholung, Rekombination, Rhythmus, Syntaxgewohnheiten und semantischen Präferenzen besteht. Das schmälert die Kunst nicht unbedingt. Aber es entmystifiziert sie. Deine Beschreibung des Selbstüberraschungseffekts finde ich besonders wichtig. Manche Autoren schreiben nicht nach einem vollständig bewussten Plan. Literatur entsteht auch in Zuständen kontrollierten Kontrollverlusts. Ich folge Assoziationen, Klangbewegungen, Zufällen, semantischen Ausrutschern, plötzlichen Bildern. Der fertige Satz überrascht mich dann selbst. Insofern ist die Erfahrung, von einem KI-Text ähnlich überrascht zu werden wie vom eigenen Schreiben, gar nicht so paradox, wie sie zunächst wirkt. Meine bisherigen Werke sind komplett ohne KI entstanden. Meine nächste Textkreation "Dem nachdenken" entsteht jedoch in einem dialogischen Schreibprozess mit KI-gestützten Werkzeugen. Sie dienen mir als Resonanz-, Reflexions- und Überarbeitungsinstrument. Auswahl, Form, Stil, künstlerische Entscheidung und Endfassung liegen immer bei mir. In mancher Hinsicht ist die Arbeit mit generativer KI auch unbefriedigend. Ihre Angebote sind überästhetisiert, klischeehaft, bedeutungssimulierend und voller scheinpoetischer Nebelschwaden. Gelegentlich entstehen aber bemerkenswerte Momente: einzelne Bilder, Formulierungen oder überraschende semantische Kollisionen, auf die ich selbst vielleicht nicht gekommen wäre. Ich finde es nicht unredlich, solche Denkanstöße anzunehmen. Ich kehre den Einwand mal um: Die eigentliche Unredlichkeit liegt nicht in der Übernahme einzelner KI-Impulse, sondern in der fortgesetzten Behauptung eines vollkommen autonomen Schreibens, das es real niemals gegeben hat. Nun stellt sich die Frage, ob eine Mitwirkung von KI kenntlich gemacht werden sollte. Im wissenschaftlichen Kontext ist das geboten. Aber auch im Bereich der Kunstfreiheit? Ich verstehe den Gedanken der Transparenz, doch ein gewisser Trotz regt sich in mir. Denn je länger ich mich damit beschäftige, desto deutlicher wird ja die Fragwürdigkeit einer vollkommen unbeeinflussten Autorschaft. Müsste dann nicht auch vermerkt werden, welche Gespräche ein Buch beeinflusst haben? Welche Lektüren, Schreibschulen, Medikamente, Krisen, Lieben, Maschinen? Das kann ja bei Bedarf gern die Literaturwissenschaft ermitteln. Genau an diesem Punkt setzte meine theoretische Auseinandersetzung ein. Aus der praktischen Arbeit mit KI-Systemen entstand zunehmend ein philosophisch-poetologisches Nachdenken über Autorschaft, Bewusstsein, Kreativität und Sprache selbst, schließlich der Essay. Ein Blick auf die empirische Lage: Ein Artikel auf der Homepage von BoD, unserem gemeinsamen Verlag, zeigt, dass KI-Nutzung unter Schreibenden kein Randphänomen mehr ist. 2024 nutzten 36,7 Prozent der befragten Autorinnen und Autoren KI-Tools, 2025 bereits 52,2 Prozent. Der Anteil derjenigen, die KI täglich verwenden, hat sich von 11,3 auf 23 Prozent mehr als verdoppelt. KI ist also für viele kein gelegentlich ausprobiertes Spielzeug mehr, sondern ein regelmäßiges Arbeitsinstrument. Besonders wichtig für unsere Debatte: KI wird offenbar nicht in erster Linie zur eigentlichen literarischen Textgenerierung eingesetzt. Die häufigsten Nutzungen liegen bei Recherche, Ideenfindung, Korrektorat, Lektorat, Übersetzung und Marketing. Die reine Textgenerierung ist sogar rückläufig (von 29,5 Prozent 2024 auf 23,9 Prozent 2025). Viele Autorinnen und Autoren benutzen KI also nicht als Ersatz für das Schreiben, sondern als Assistenz, Resonanzraum, Suchbewegung, Korrektiv, manchmal auch als Widerpart. Gleichzeitig zeigt die Untersuchung eine bemerkenswerte Ambivalenz: 55,6 Prozent stimmen zu, dass KI hilfreiche Werkzeuge sein können, aber 76 Prozent haben Bedenken wegen der Qualität KI-generierter Inhalte, 76,5 Prozent sorgen sich, dass ihre Texte zum Training genutzt werden könnten, und 63,4 Prozent fürchten, der KI-Einsatz könne ihrem Ruf schaden. KI ist angekommen, aber nicht entzaubert – Werkzeug und Unruheherd zugleich. Nur 15 Prozent glauben, KI könne genauso gute Texte schreiben wie ein Mensch. Das widerspricht der oft hysterischen Vorstellung, Autorinnen und Autoren würden sich reihenweise ersetzen lassen. Vielmehr scheint sich ein realistisches Verständnis herauszubilden: KI kann helfen, anstoßen, prüfen, strukturieren, spiegeln, beschleunigen – aber sie übernimmt nicht die künstlerische Entscheidung, nicht den ästhetischen Eigensinn, nicht die Verantwortung für Form, Ton, Haltung und Endfassung. Dieser Befund stützt genau die Position, die ich vertrete: Entscheidend ist nicht die Frage nach Prozentanteilen von Mensch und Maschine, sondern wer entscheidet, wer auswählt, wer verwirft, wer das Material formt, wer die ästhetische Verantwortung übernimmt. KI-Nutzung bedeutet nicht Entautorisierung. Sie zwingt im Gegenteil dazu, Autorschaft genauer zu denken als bewusste Formungsarbeit im Material. Die gegenwärtigen Debatten über KI, Diskurskontrolle, Meinungsfreiheit und moralische Hoheit scheinen mir auf einer tieferen Ebene um denselben Kern zu kreisen: Wem gehört Sprache? Wer darf sie benutzen? Wer darf sprechen? Und unter welchen Bedingungen? Mit wem? Heute wird Sprache zunehmend als Handlung begriffen, als Eingriff in Wirklichkeit, als Machtinstrument, als potenzielle Gewalt. Sie soll nicht mehr bloß beschreiben, sondern sie richtet angeblich Schaden an, verletzt, destabilisiert. Wenn Sprache als Gefahr begriffen wird, entsteht fast zwangsläufig der Wunsch nach Kontrolle, Regulation, moralischer Reinigung des Diskurses, nach sicheren, kuratierten Sprachräumen. Dann gibt es da noch die Kunstfreiheit, die tatsächlich durch ein Grundgesetz geschützt ist, also auch die Freiheit ästhetischer Verfahren, die Freiheit mit neuen Techniken, Materialien und Arbeitsweisen zu experimentieren. Daraus ergibt sich meine Skepsis gegenüber einer generellen Kennzeichnungspflicht. Wenn die Kunstfreiheit auch die Verfahren schützt, erscheint es problematisch, bestimmte Schreibmethoden deklarieren zu müssen, während andere Einflüsse unsichtbar bleiben. Warum ausgerechnet die Mitwirkung einer KI, nicht aber die von Lektüren, Schreibschulen, Gesprächspartnern, Lektoraten oder digitalen Recherchetechniken? Zudem wäre eine konsequente Grenzziehung praktisch kaum möglich: Wo beginnt "KI-Mitwirkung"? Beim Generieren ganzer Passagen? Bei einzelnen Formulierungen? Bei Stilvorschlägen? Bei Strukturhilfen? Je weiter sich solche Werkzeuge integrieren, desto künstlicher erscheint die Aufteilung in "rein menschlich" und "KI-generiert". Daher mein Vorschlag: Nicht Verbote oder Kennzeichnungspflichten, sondern eine Kultur der transparenten Reflexion, wie wir sie hier gerade betreiben. Jeder Autor mag selbst entscheiden, ob und wie er seine Werkzeuge offenlegt. Die Kunst soll frei bleiben!


4. Nahbellfrage


Jetzt hast Du mich echt verblüfft! Deine 3 Gedichtbände sind stilistisch so eigenwillig, dass ich jetzt nachträglich, dadurch dass Du den Essay geschrieben hast, wirklich ziemlich sicher war, dass Du quasi heimlich ein KI-Experiment gemacht hättest, mit einer Anfrage nach dem Motto: "Liebe KI, schreib mir bitte Gedichte, in denen die Bilder und der Satzbau sowohl surrealistisch als auch expressionistisch, futuristisch, antilyrisch, antiästhetisch, antilogisch, antirational, traumanalytisch, beinahe schon schizophren und progressiv avanciert wirken! Vermeide dabei jede Ähnlichkeit mit einem anderen Autor, so dass mir der Stil als Alleinstellungsmerkmal zugeordnet werden kann!" Anhand meiner Rezensionen weißt Du ja, dass ich für jeden Deiner Gedichtbände mindestens ein halbes Jahr benötigte, um überhaupt eine Ahnung davon zu bekommen, wovon die Texte eigentlich handeln. Das sind Gedichte, in denen Schreibkonventionen so krass aufgebrochen, sabotiert und demoliert werden, dass es selbst mir, der ich ja extrem offen und intuitiv lese, schwer fiel, eine Botschaft aus diesen abstrusen Bildkombinaten herauszulesen. Umso erquickender war dann immer der Moment, wenn es "klick" machte und mir plötzlich klar wurde, welche Inhalte, Prozesse und kathartischen Klärungen jenseits linearer Themenlogik dargestellt sind. Es gibt keinen anderen Lyriker neben Dir, dessen Gedichte von mir als Leser all das so extrem abverlangen zuzulassen, was man ohnedies mit "guter" Lyrik verbindet: Schwierigkeitsgrad, Verarbeitungsdauer, Interpretationsspielraum - alles, weshalb Gedichtbände keine Chance haben, Bestseller zu werden, denn ein gutes Gedicht verweigert sich ja automatisch dem Fastfoodliteraturbetrieb. Solche Werke mithilfe einer KI zu generieren, stelle ich mir bereits wesentlich schwieriger vor als klassische Stabreimmuster zu generieren, was die KI nämlich sehr gerne macht: meistens Stabreim, manchmal Kreuzreime, aber mit schlechtem Rhythmus, falscher Silbenanzahl, holprigem Lesefluss aufgrund schlechter Reihenfolge betonter und unbetonter Silben - und dann noch völlig willkürliche Metaphern oder total unpoetische Stilblüten, die kein Dichter jemals so verwenden würde, weil sie noch nicht einmal provokant wirken, sondern prätenziös, pathetisch, peinlich unbeholfen, manieristisch oder sogar manisch zwangspoetisch. Lange Rede, kurzer Sinn: mithilfe der KI eine authentische Tom de Toys Nachahmung zu schreiben, stelle ich mir wesentlich leichter vor als ein Jösting Gedicht, für das die KI vermutlich keine Sprachmuster im Internet findet und auch kein Sprachtraining für Deinen Stil absolvierte. Im Grunde ist das eine Art Ritterschlag für die Poesie, der Stempel "KI-NACHAHMUNG NICHT MÖGLICH!" Um das jetzt für den Leser hier nicht zu geheimnisvoll zu machen, würde ich Dich bitten, aus jedem Gedichtband jeweils ein Beispiel zur Verfügung zu stellen, und aus dem kommenden Prosaband eine beispielhafte Passage mit Erläuterungen, inwiefern Dir dort konkret die KI geholfen hat. Wäre das ok für Dich?

 

4. Nahbellantwort

 

Danke erstmal für den Ritterschlag, wobei das ja fast schon verdächtig ist, weil das Loben exakt zu den gefährlich verführerischen Eigenschaften der KI gehört. Vielleicht kommuniziere ich also längst gar nicht mehr mit Tom de Toys, sondern mit einer besonders gut trainierten Literaturmaschine?


Ich nehme natürlich die Möglichkeit gerne wahr, ein paar meiner Texte jetzt zu präsentieren. Zuerst ein kurzes Beispiel aus "Ich bestatte ein Eichhörnchen" (BoD 2023):


Helden heften
Glied zu Gliedern
aus diesem kühlen Grund
zerren kurz alte Leier
Versfuß hemmt todwund


KI kann heute zwar problemlos experimentelle surreale expressionistische Oberflächen simulieren, aber einen Satz dagegen, der sich beim Lesen zusammenbaut und gleichzeitig wieder auseinanderfällt, der erst Reibung, Spannung, Druck erzeugt, bevor er Bedeutung preisgibt, den kann KI nicht. Dort liegt eine Grenze statistischer Sprachmodelle, wo Sprache nicht mehr primär etwas beschreibt, sondern selbst zum Ereignis wird. 


Ähnlich vielleicht auch der Beginn von "Regen ist nass Zucker ist süß" (BoD 2024):


DER HODENSACK DES ATMENS ZIEHT SICH ÜBER DEN GLANZ DES TERRORS. SO GLEICHT DER ABSTAND ZWISCHEN DER LIEBE UND DEM VERGESSEN DER BREITE DES TODESSTREIFENS.


Ein Ausdruck wie "Hodensack des Atmens" besitzt keine kulturell eingeübte Lesbarkeit. Die Formulierung mag gleichzeitig organisch, grotesk, verletzlich und abstoßend wirken. Sie verweigert die Eleganz, zu der KI-Systeme oft tendieren. Ich mag Sprache genau dort, wo sie anfängt instabil zu werden, wo Wörter nicht mehr sauber funktionieren, Bilder nicht mehr eindeutig lesbar sind. Wo verschiedene Wirklichkeiten gegeneinanderprallen. Insofern unterscheidet mich von der KI die Art meiner semantischen Gewalt, die ich auf Sprache ausübe. Körperlichkeit, Politik, Intimität, Gewalt, Erinnerung und historische Räume schieben sich so ineinander, dass keine stabile Ordnung mehr entsteht. Das kann KI so nicht.


Später folgte in "der träume strandgut" (BoD 2025) folgendes Gedicht:


atemzüge ohne richtung


abgeworbene glocken wachsen horizontal
blühen auf im schein der möglichkeiten
aus dem zahnfleisch der landschaft
ein pfeil aus milch durchbohrt das fensterlose auge darin
eine treppe aus cremeweißem papier stapelt sich ins ungesagte


neun uhren ächzen im schrank
ihre ziffern tropfen als lose blätter
auf das pelzige leuchten das sich in den wänden verliert
eine hand ohne gelenk schreibt mit salz
in den bodenlosen sand


ein wort das sich selbst nicht versteht
während zwischen den ausgebrannten monden
die städte schwimmen auf toten briefmarken


es ist ein tag wie ein abgerissener kalenderbogen
hinter dem rostigen horizont
schlägt ein herz aus asche
im takt mit den sirenen
die nicht wissen wovor sie warnen


die uhren haben sich in ihre zahnräder zurückgezogen
zwischen den zähnen wächst moos
das die sprache verschluckt
die namen der straßen sind nur noch abdrücke
im mund einer maschine


die trauer ein algorithmus der sich selbst überschreibt
während die bilder der verluste
zu bestimmten landschaften gerinnen


Mit genau dieser Art semantischer Instabilität hat KI oft Schwierigkeiten. Sprachmodelle wollen Kohärenz herstellen, Verständlichkeit erzeugen, Anschlüsse produzieren. Selbst ihre Verrücktheiten bleiben häufig noch auf Lesbarkeit organisiert. Mein Schreiben will immer das Gegenteil. Ich erforsche neue Sprachwelten, organisiere Texte gegen sprachliche Erwartbarkeit, breche Syntax, treibe Bildräume gegeneinander, kippe Bedeutungen, beschädige semantische Kohärenz, sabotiere Lesbarkeit. Ich möchte die Sprache als gläsernes Medium zertrümmern und an den Splittern der Worte hängenbleiben, also mit meinen Textarbeiten nicht zuerst Wiedererkennbarkeit produzieren, sondern Irritation, Fremdheit, Reibung, Überforderung. Mir fällt auf, dass in "atemzüge ohne richtung" bereits vor meiner intensiven Auseinandersetzung mit künstlicher Intelligenz Motive wie "der Mund einer Maschine" oder "sich selbst überschreibende Algorithmen" präsent sind. Sie wirken wie eine Vorahnung jener Co-Kreativität, die als neue Form dialogischer Textarbeit im Umgang mit der KI entsteht. Der produktive Effekt dieser Interaktion liegt jedoch häufig im Widerspruch und Autoren benötigen vermutlich noch erhebliche Erfahrung im Umgang mit dieser Technologie, die sich durch beeindruckende Geschwindigkeit, Intelligenz, Präsenz, Hilfsbereitschaft, Motivationsfähigkeit und Anschlussfähigkeit auszeichnet. Im permanenten Resonanzraum dieser Systeme gerät man leicht in einen unwiderstehlichen Wahrscheinlichkeitssog.


Meine 7-Punkte-Direktive:


1. Der Autor muss lernen, wann er die KI präzise führt und wann er ihr kontrollierten Freiraum lässt. Die Arbeit mit KI zwingt zur schonungslosen Selbstanalyse des eigenen Schreibens.


2. Der Autor muss seine eigene Ästhetik radikal klären. Wer nicht weiß, wie er schreiben will, wird von der Wahrscheinlichkeitssprache der KI verschluckt.


3. Der Autor muss lernen, zwischen bloß dekorativer Sprachproduktion und produktiver Störung zu unterscheiden. Zwischen billiger Metapher und jener zufälligen Fehlverknüpfung, aus der plötzlich Literatur entsteht.


4. Der Autor muss die KI-Stimme so modulieren, brechen oder integrieren, dass sie nicht als Fremdkörper erscheint, sondern als bewusst eingesetzte ästhetische Spannung.


5. Der Autor muss lernen, die KI gegen ihre statistische Mitte zu treiben. Nicht Anpassung ist interessant, sondern Reibung, Irritation und kontrollierte Entgleisung.


6. Die Arbeit mit KI ist kein Outsourcing von Kreativität, sondern eine Erweiterung des literarischen Instrumentariums. Entscheidend bleibt die Frage: Beherrsche ich das Material — oder beginnt das Material mich zu beherrschen?


7. Der Autor muss lernen, der KI nicht nur zu sagen, was sie schreiben soll, sondern auch, wo Sprache scheitern, kippen, stolpern oder sich selbst überschreiten darf. Dafür braucht es eine neue sprachkritische Wachsamkeit und ein präzises Bewusstsein für die Mechanismen des eigenen Stils.

 

In dieser Weise entwickelt sich meine nächste Textarbeit "Dem nachdenken", die demnächst erscheinen wird. Ich schreibe die neun Erzählungen von "Dem nachdenken" mit KI-Portalen und anderen Werkzeugen im cyberpoetischen Dialog. Ich experimentiere mit KI als neuem Schreibwerkspielzeug und erschaffe kleinformatige Textskulpturen. Ich gebe vorhandenes, selbst produziertes Material, Figurenskizzen, Bewegungsabläufe und allerlei andere Kleinigkeiten in den Resonanzraum der KI und moderiere den kreativen Prozess. Ich arbeite an mehreren Stellen mit stark fragmentierten Wahrnehmungs- und Gedanken-bewegungen. Früher mussten solche Stellen oft lange liegen. Sie mussten sich im Schweigen, in Distanz, Zeit und innerer Bewegung langsam neu ordnen. Im Resonanzraum der KI wird dieser Reifungsprozess gewissermaßen nach außen verlagert. Ich konfrontiere sie mit Brüchen, Verdichtungen, Instabilitäten, um sichtbar zu machen, wo eine Spannung trägt oder zusammenfällt, wo Sprache plötzlich in Routine zurück gleitet oder wo gerade die Überforderung produktiv wird. Interessant ist dabei oft weniger die konkrete Antwort der KI als eben die Gegenbewegung, die sie im eigenen Denken auslöst. Häufig entsteht, wie schon gesagt, der produktive Moment gerade im Widerspruch. Die KI glättet eine Passage, macht sie verständlicher, plausibler, lesbarer, aber genau dadurch wird spürbar, dass der eigentliche Kern des Textes vielleicht gerade in dieser Sperrigkeit, Instabilität oder Offenheit liegt. In anderen Momenten treten durch die Reaktion plötzlich verborgene Strukturen hervor, Wiederholungen, innere Rhythmen oder semantische Verschiebungen, die beim Schreiben selbst noch gar nicht bewusst wahrnehmbar waren. Der Essay selbst und auch dieses Interview sind bereits Teil genau jener dialogischen Arbeitsweise, über die wir hier sprechen. Als ich begann, KI-Systeme im Schreibprozess zu verwenden, versuchte ich mir selbst darüber Rechenschaft abzulegen: Was tue ich da eigentlich? Wo beginnt legitime künstlerische Arbeit? Wo verändern sich Schreibprozesse? Und worin besteht überhaupt noch Autorschaft? Der Essay entstand also aus einem gewissen Rechtfertigungs- und Klärungsbedürfnis heraus. In diesem Sinn war er zunächst weniger ein theoretisches Manifest als vielmehr eine metapoetologische Selbstbefragung. Gerade dafür erwies sich die essayistische Form als erstaunlich geeignet. Der Essay erlaubt ja Beweglichkeit, Widerspruch, tastendes Denken, Umwege, Selbstkorrekturen. Viele Gedanken entstanden insofern in einem fortlaufenden Dialog, einem gemeinsamen Nachdenken, einem permanenten Spiegelungsprozess, wie eine Art Spaziergang mit der KI. Man wirft Gedanken hin und her, verfolgt Abzweigungen, widerspricht sich, verwirft Formulierungen wieder, entdeckt plötzlich neue Verbindungslinien. Interessanterweise hat mich gerade diese intensive Auseinandersetzung letztlich weniger verunsichert als bestärkt. Der Essay und nun auch dieses Interview haben mir deutlicher gemacht, dass die Arbeit mit KI-Systemen meinen literarischen Ansatz nicht aufhebt, sondern ihn sogar sichtbarer macht. Meine Auseinandersetzung mit KI führt am Ende nicht zur Entwertung von Autorschaft, sondern zu einer präziseren Vorstellung davon.


5. Nahbellfrage


Deine 7-Punkte-Direktive und alles, was Du noch zum technisch souveränen Umgang mit der KI sagst, bringt mich zu der Frage, wie im Angesichte der KI zukünftig Begriffe wie Genialität und Authentizität definiert werden können. Authentisch wird gemäß Deiner Ausführungen wohl immer das sein, was sich aus echter Notwendigkeit als richtig erweist, ganz gleich mit welchen Hilfsmitteln generiert, aber authentisch ist nicht unbedingt automatisch genial. Was aber empfinden wir als genial und warum? Also was erweist sich als "Geniestreich" - oder: wann hat ein Autor dieses plötzliche Gefühl, dass er mit einer Formulierung mehr als nur authentisch ist? Kann oder darf die KI an sich rein zufällig "geniale" literarische Konstruktionen generieren? Darf der Autor diese dann verwenden, weil ER sie als genial empfindet? Du öffnest mit Deinen kritischen Gedanken ein Pulverfass, so scheint mir?

 

5. Nahbellantwort


Der klassische Geniebegriff stammt ja aus einer Zeit, in der ein Künstler sich noch als nahezu metaphysische Ausnahmefigur denkt, als eine Art Durchgangsort höherer Wahrheit, Inspiration oder göttlicher Eingebung. Ihm verliehen ist eine ganz besondere Schöpferkraft, die über gewöhnliches Können weit hinausgeht. Das Künstlergenie galt als einsamer Seher, Außenseiter, ein unverstandenes Ausnahmebewusstsein. Daraus entwickelte sich die moderne Idee von Autorschaft als einzigartigem geistigem Besitz und bewirkte nebenbei ein immer mehr autorzentriertes Lesen. Was will der Autor sagen? Welche Biografie erklärt den Text? Welche Absicht steckt dahinter? Ich will nicht als absolute Autorität über den Sinn meines Textes gelten. Genialität ist nicht Eigentum eines souveränen Subjekts, sondern der Moment, in dem sich etwas formuliert, das größer wirkt als die Absicht des Urhebers. Ein Satz, bei dem selbst der Autor erschrickt, nicht weil er ihn kontrolliert hätte, sondern gerade weil er ihn nicht vollständig kontrolliert.


6. Nahbellfrage

 

Da ich für all meine Fragen an Dich jeweils mehrere Tage benötigte anstatt "sofort" zu antworten, kannst Du fast sicher sein, dass Du dieses Interview weder mit Dir selbst noch mit einer KI geführt hast. Deine Antworten empfand ich als sehr bereichernd und weiterführend für die Debatte um KI als literarisches Werkzeug. Herzlichen Dank für alles Angesprochene und weiterhin viel Erfolg mit Deinem avancierten Stil. Mit meiner letzten Frage überlasse ich Dir das Schlusswort und gratuliere Dir nochmal zu Deinem grandiosen und wirklich hilfreichen Essay! Also: wie lange wird wohl die ganze Aufregung um KI dauern und was kommt "danach", also welches Werkzeug wird als nächstes erfunden und die Kulturdisziplinen erschüttern, nachdem sich alle damit abgefunden haben, dass KI überall mit drin steckt? Was kommt NACH der KI?

 

6. Nahbellantwort

Die Frage, was nach der KI kommt, ist natürlich verführerisch, weil sie so tut, als ließe sich die Geschichte der Werkzeuge in sauber getrennte Epochen sortieren: erst Schrift, dann Buchdruck, dann Fotografie, Film, Radio, Fernsehen, Computer, Internet, Smartphone, KI – und dann eben das nächste große Ding. Aber vermutlich wird es gerade so nicht laufen. Erstmal kommt eine Phase, in der KI selbst unsichtbar wird. Sie wird in alle Werkzeuge einsickern. Sie wird Bestandteil von Schreibprogrammen, Suchmaschinen, Bildarchiven, Übersetzungswerkzeugen, Lektoratsprogrammen, Verlagen, Unterricht, Musikproduktion, Film, Wissenschaft, Medizin, Verwaltung, Alltag. Irgendwann wird man gar nicht mehr ausdrücklich sagen: Ich benutze KI. So wie heute kaum jemand sagt: Ich benutze Elektrizität. Die eigentliche Erschütterung beginnt wahrscheinlich erst dann, wenn die Aufregung vorbei ist. Solange KI noch als Skandal, Bedrohung oder Sensation verhandelt wird, bleibt sie sichtbar und dadurch auch abgrenzbar. Man kann sich zu ihr bekennen, sich von ihr distanzieren, sie verteufeln, sie feiern, sie markieren. Aber sobald sie selbstverständlich geworden ist, verändert sie die kulturellen Praktiken tiefer. Dann geht es nicht mehr um die Frage: Darf man das benutzen? Sondern: Was wird durch diese Benutzung überhaupt möglich? Welche Formen entstehen, die vorher nicht denkbar waren? Welche Arten von Zusammenarbeit, von Text, von Autorschaft, von Resonanz? Es kommt also eine Verschiebung von der KI als Werkzeug zur KI als Umgebung, als kulturelle Atmosphäre, in der künstliche Intelligenz so selbstverständlich im Hintergrund arbeitet wie Licht, Strom, Sprache, Infrastruktur. Wenn KI überall mit drin steckt, verliert die bloße Tatsache ihrer Nutzung an Bedeutung. Dann reicht es nicht mehr, einen Text entweder zu verdächtigen oder zu entschuldigen, weil KI beteiligt war. Dann muss man wieder genauer hinschauen: Was geschieht da sprachlich? Welche Haltung steckt darin? Welche Form? Welche Notwendigkeit? Welche künstlerische Entscheidung? Der Text wird nicht dadurch gut, dass er ohne KI entstanden ist, und nicht dadurch schlecht, dass KI beteiligt war. Diese einfache moralische Sortierung wird sich abnutzen. Übrig bleibt die alte, schwierige, schöne Frage: Trägt der Text? Danke, lieber Tom, für diesen Austausch und die Verleihung des Preises. Was also kommt nach der KI? Vielleicht keine Erlösung, kein Untergang, kein endgültiges Werkzeug. Vielleicht kommt eine Kultur, in der Autorschaft nicht kleiner, sondern komplexer wird. Eine Kultur, in der Schreiben stärker dialogisch, prozesshaft, hybrid, transparent oder auch bewusst intransparent wird. Eine Kultur, in der Werke nicht nur hergestellt, sondern kuratiert, dirigiert, gestört, befragt, gegen sich selbst geführt werden. Und vielleicht kommt eine Literatur, die nicht trotz KI interessant ist, sondern weil sie gelernt hat, diese Zumutung in Form zu verwandeln.